1. August 2016, 16:41 Attentäter "Männer verletzen nicht sich, sie verletzen andere"

Der Rechtspsychologe Dietmar Heubrock erklärt, warum Attentäter meist männlich sind, woran man sie erkennen kann - und warum in Zukunft auch mit weiblichen Terroristen zu rechnen ist.

Interview von Benedikt Peters

Dietmar Heubrock leitet das Institut für Rechtspsychologie der Universität Bremen - und forscht mit ungewöhnlichen Methoden. Bei seinen Vorträgen kommt es vor, dass plötzlich ein "Terrorist" im Publikum auftaucht und ihn "erschießt" - allerdings nur mit einer Waffenattrappe. Heubrocks Team filmt und wertet aus. Seit Jahrzehnten forscht Heubrock zudem zur Geschichte von Terrororganisationen, Attentaten und Amokläufen. Die SZ sprach mit ihm darüber, warum die meisten Täter männlich sind - und wie man Verdächtige im öffentlichen Raum erkennen kann.

SZ: Die Täter von Ansbach und München, von Nizza und von Paris haben eines gemeinsam: Sie waren Männer. Stimmt der Eindruck, dass Attentäter und Amokläufer in der Regel männlich sind?

Dietmar Heubrock: Ja. Es mag immer wieder Ausnahmen geben, zum Beispiel Tashfeen Malik, die Attentäterin von San Bernardino, oder die "Schwarzen Witwen" in Russland. In der Regel aber sind Attentäter und Amokläufer männlich, das wissen wir aus historischen Analysen.

Warum ist das so?

Bei den Ursachen sollten wir zwischen Attentätern und Amokläufern unterscheiden. Wenn wir uns die Amoktäter hier in Deutschland anschauen, waren nahezu alle psychisch gestört, von der Tat in Erfurt bis zur Tat in Winnenden. Jungen und Männer reagieren auf psychische Störungen anders als Mädchen und Frauen. Letztere neigen eher zu selbstschädigendem Verhalten, sie ziehen sich völlig zurück, wollen nicht mehr essen, ritzen sich die Arme auf. Männer hingegen zeigen eher das, was Psychologen "externalisierende Handlungen" nennen. Sie verletzen nicht sich, sie verletzen andere. Sie neigen eher zu Schlägereien, auch zu Morden - und der Gipfel ist dann eine Amoktat.

Woher kommen diese unterschiedlichen Reaktionsmuster?

Die Hauptursache ist meiner Ansicht nach eine biologische. Bei Männern ist das Stresshormon Cortisol stark ausgeprägt - schon bei männlichen Neugeborenen ist das anders als bei weiblichen. Das führt dazu, dass sie tendenziell mehr schreien, sich mehr bewegen, aktiver sind. Vereinfacht könnte man sagen: Je höher das Cortisol-Level, umso stärker der Drang zu externalisierendem Verhalten.

Dietmar Heubrock leitet das Institut für Rechtspsychologie der Universität Bremen.

(Foto: privat)

Aber die unterschiedliche Bereitschaft zum Amoklauf lässt sich doch nicht durch ein Hormon allein erklären.

Nein, natürlich nicht. Wie gesagt, eine Grundbedingung ist eine psychische Störung. Soziale Faktoren haben auch einen Anteil: Etwa das Rollenbild vom "kämpfenden Mann" oder der Umstand, dass Egoshooter-Spiele bei vielen jungen Männern als "cool" gelten. Der entscheidende Unterschied zu Frauen bleibt aber, dass es durch den höheren Cortisol-Spiegel in Stresssituationen wahrscheinlicher ist, dass Männer gewalttätig reagieren.

Wie kann man dem vorbeugen?

Männer, die psychisch krank sind, müssen intensiver betreut werden. Man darf nicht einfach davon ausgehen: Der ist depressiv, also antriebsarm, der legt sich ins Bett. Viele Therapeuten vergessen, dass sich eine Depression auch als Gewalthandlung äußern kann. Patienten mit psychischen Störungen werden heute oft nur kurz stationär behandelt. Danach werden sie entlassen und bekommen Medikamente verschrieben - aber ob sie die dann auch nehmen, kontrolliert niemand mehr.

Sie sagen, wir müssen zwischen Amokläufern und Attentätern unterscheiden. Was ist bei Attentätern anders?

Die biologische Vorbedingung, die Männer stärker zu Gewalttaten neigen lässt, ist die gleiche. Bei Attentätern aber muss man sich zusätzlich ansehen, wie die Terrororganisationen funktionieren, die sie entsenden. In fast allen Organisationen werden Frauen auf eine unterstützende Rolle reduziert. Sie verpflegen die Kämpfer und behandeln sie. Zudem übernehmen sie Schmuggel- und Kurierdienste, weil sie für Sicherheitsbehörden weniger verdächtig sind.

Warum gibt es dann trotzdem immer wieder Attentäterinnen? Wir sprachen bereits über Tashfeen Malik. Auch die RAF setzte Terroristinnen ein.

Diese Fälle gibt es immer wieder. Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Frauen nur dann zu Gewalt greifen, wenn sie von einer Sache ideologisch absolut überzeugt sind. Dann kommt es auch vor, dass Frauen in Terrororganisationen Führungsrollen übernehmen. Das war zum Beispiel beim "Leuchtenden Pfad" in Peru der Fall (eine maoistische Terrororganisation, nach Schätzungen für etwa 30 000 Morde verantwortlich; Anm. d. Red.). Die Tamilischen Befreiungstiger in Sri Lanka hatten sogar eine weibliche Spezialeinheit, die "Freedom Birds". Das waren bis heute die tödlichsten Selbstmordattentäterinnen.

Warum gibt es diese Ausnahmen kaum bei der Terrormiliz "Islamischer Staat"?

Der IS hat seine Propaganda-Strategie von Anfang an auf junge, psychisch instabile Männer ausgerichtet. Die Videos sind mit martialischer Musik unterlegt. Da sieht man überwiegend Männer, die auf Jeeps durch die Wüste fahren. Frauen werden dagegen als Beute dargestellt. Wer als Mann für den IS kämpft, der kann sich nachher an den Frauen "bedienen". Der IS lebt auch von diesem Bild. Ich halte es aber für sehr gut möglich, dass sich hier in Zukunft etwas verändern wird.

Sie meinen, in Zukunft könnte es mehr Attentäterinnen geben?

Ja. Nach den Anschlägen von Ansbach und Würzburg haben Polizisten im öffentlichen Raum ein Suchmuster im Kopf: Sie suchen nach jungen, dunkelhaarigen Männern mit Rucksäcken. Aus Sicht des IS wäre es sinnvoll, dieses Muster zu durchbrechen. Wir wissen, dass sich auch einige Frauen aus Europa nach Syrien und in den Irak aufgemacht haben, um sich dem IS anzuschließen.

Seit Jahren forschen Sie dazu, wie man Attentäter in Menschenmengen erkennt. Was sind Ihre Erkenntnisse?

Ich bitte um Verständnis, dass ich hier nicht ins Detail gehen kann. Das wäre eine Anleitung für Terroristen, wie sie sich in Zukunft verhalten sollen. Das aber kann man sagen: Ein Attentäter will vor allem nicht auffallen. Er will eine Bombe platzieren, und zwar in dem Augenblick, in dem möglichst viele Menschen getötet werden. Er verhält sich abwartend und bewegt sich langsamer als die übrigen Menschen. Wie in Zeitlupe, gewissermaßen. Er zeigt weniger übliche Verhaltensweisen als alle anderen. Für das geschulte Auge kann ihm genau das zum Verhängnis werden.

Wie sind Sie zu diesen Schlüssen gelangt?

Mein Team und ich haben falsche Attentäter unter realen Bedingungen in den öffentlichen Raum eingeschleust. Ich habe zum Beispiel einen Vortrag im Haus der Wissenschaft in Bremen gehalten. Da waren reichlich Bremer Bürger, die nicht eingeweiht waren. Die Fake-Attentäter, Männer wie Frauen, haben mich dann angegriffen. Sie mussten damit rechnen, jeden Moment von der Polizei festgenommen zu werden. Das erhöht erheblich das Stresslevel und macht die Probanden in dieser Hinsicht mit "echten Attentätern" vergleichbar. Wir haben die Feldversuche mit Videokameras aufgezeichnet und analysiert. Ähnliche Experimente haben wir an Bahnhöfen und am Flughafen Hannover gemacht. Wir haben mehrere Merkmale gefunden, die bei allen Fake-Attentätern identisch waren, egal ob Frauen, Männer, Muslime oder Christen. Diese Merkmale geben wir in Schulungen an Bundespolizisten und andere Sicherheitskräfte weiter.