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1968 - Attentat auf Rudi Dutschke:"Polly ist Rudi am ähnlichsten", sagt die Mutter

Seine Schwester nennt Dobrindt schlicht und einfach "blöd". Polly-Nicole Dutschke ist seit sechs Jahren Mitglied in Dänemarks stärkster Partei, den Sozialdemokraten. Vergangenes Jahr kandidierte die 48-Jährige erstmals fürs Stadtparlament von Aarhus und scheiterte knapp. "Den Kontakt zu den Sozialdemokraten haben Deutsche in meiner Heimatstadt hergestellt. Ich habe mich nicht aufgestellt, weil ich Rudis Tochter bin, sondern weil ich mit meinem Herzen etwas bewegen möchte. Aber ich war einfach zu spät dran mit meiner Kandidatur, man kannte mich noch nicht. Bei der nächsten Wahl werde ich wieder antreten."

Das Politische Buch Was von 1968 bleibt
Studentenrevolte

Was von 1968 bleibt

Gretchen Dutschke, die Frau des legendären Studentenführers Rudi, hat ein erhellendes Buch geschrieben. Es ist eine Mischung aus ihrer eigenen Biografie und dem Versuch, zu erklären, auf was die 68er "stolz sein dürfen".   Rezension von Lars Langenau

Ihr erster Name stammt aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht. Polly ist die Partnerin des Räuberkönigs Mackie Messer. Sie selbst ist eher bürgerlich, hat drei Kinder, eine 13-jährige Tochter und elfjährige Zwillinge. Mit ihrem Vater hat sie zehn Jahre zusammen in Dänemark verbracht, ging mit ihrer Mutter in die USA und dann wieder zurück nach Aarhus.

Obwohl sie noch ein Kind war, hat er politisch auf sie gewirkt. "Er wollte sicher gern, dass wir drei einmal rot und gute Sozialisten werden, aber er hat uns nicht indoktriniert", sagt sie in einem sehr dänisch-amerikanisch eingefärbten Deutsch. "Er hat uns gelehrt, was richtig oder falsch ist, warum wir das eine tun und das andere lieber lassen sollen. Ich habe von ihm gelernt, wie ich reflektieren und denken soll. Unsere Eltern wollten jedenfalls, dass wir sozial und gut zu Menschen sind." Ihr "liebevoller, guter Vater" hat "immer 100 Prozent für uns Kinder gegeben, wenn er da war", sagt sie. "Auch für Deutschland war er gut. Rudi war ein Vater für die Demokratie."

Polly wollte eigentlich mal Designerin werden, wurde dann aber Krankenschwester. Heute leitet sie in Aarhus ein Altenheim mit 31 Wohnungen, die von 30 Mitarbeitern betreut und versorgt werden - ein exzellenter Personalschlüssel. Sie will bewusst andere Wege gehen. "Auch im Altersheim ist man immer noch ein Mensch. Selbst mit 80 oder 90 Jahren will man ein gutes Leben haben, nicht viel anders als mit 40 oder 50." Damit es ihnen gut geht, "ist es notwendig, dass auch meine Mitarbeiter zufrieden sind. Und die sollen dies ausstrahlen. Es ist viel zu machen!"

"Ihre Erinnerungen sind anders als meine"

Ihre quirlige Mutter hat mit 76 Jahren noch keine Pläne, ob sie mal zu ihr ziehen wird. Seit 2009 lebt sie wieder in Berlin, der Stadt, die das Schicksal der Dutschkes so stark bestimmte. "Ihre Erinnerungen sind anders als meine", sagt sie über ihre Kinder. Gemeinsam ist ihnen die Erinnerung an eine gleichberechtigte Ehe, viele Freiheiten, daran, wie Rudi mit ihnen tobte, Blödsinn machte und es oft Spaghetti gab, weil weder sie noch Rudi gut kochen konnte.

Alle haben seine braunen Augen, ihren hellen Teint, die Tochter spricht wie die Mutter, die Söhne erbten den Singsang ihres Vaters und sehen ihm verteufelt ähnlich. Gretchen aber sagt: "Polly ist Rudi am ähnlichsten - vor allem aber Asker, einer ihrer Zwillinge. Manchmal sehe ich Rudi in ihm."

Was bleibt von ihm in seinen Kindern? "Alle setzen sich für besseres Leben ein. Ihnen allen gemein ist ihre Liebe zu den Menschen, und dass man Unterdrückung oder Beleidigungen nicht akzeptieren darf." Sie selbst wünscht sich Rot-Rot-Grün an der Macht. Zumindest privat hat sie gerade ihr Ideal beisammen: Sozialdemokratie, Sozialistische Volkspartei und Grüne. Evolution eben, statt Revolution.

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