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105-jährige Zeitzeugin:Über die Hitler-Zeit will sie nicht reden - nie wieder

Geschichte wiederholt sich für Dyck, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Als Kind bangte sie um ihren Vater, als Erwachsene um ihren Mann. Zu kurz war die unbeschwerte Zeit zwischen den Kriegen. Dycks Mann Gerhard war im Zweiten Weltkrieg in Norwegen stationiert, sie blieb mit den Töchtern Margarete und Dorothea zurück, die Kleinkinder waren.

"Nazizeit", so nennt Gertrud Dyck die Jahre, in denen sie erneut Ängste und Krieg erlebte. Sprechen will sie lieber nicht darüber. Als Gertrud Dyck im Alter von 98 Jahren ins Altenheim zog, hatten andere Senioren Gesprächskreise über die Kriegszeiten gegründet. Dyck weigerte sich: "Ich habe mir geschworen, nie wieder! Da redest du nicht drüber, Schluss und vorbei. Wenn du dann was sagst, bist du noch verfeindet mit den Leuten." Ein bisschen erzählt sie dann doch: "Anhänger waren wir nie, wir mussten immer aufpassen." Ihr Mann und die Mädchen waren Mennoniten, Anhänger einer evangelischen Freikirche, sie selbst blieb Protestantin.

Nationalsozialismus

Wie Hitler an die Macht kam

"Wir mussten immer so machen", Dyck hebt die Hand zum Hitlergruß. Blitzschnell fällt sie herab in den Schoß und sucht nach der anderen Hand. Festhalten, die verbotene Geste wegdrücken. Wenn sie konnte, habe sie das vermieden, sagt Dyck. "Manchmal musste man, sonst wäre man eingelocht worden, dann wäre ich heute nicht hier." Sie schüttelt den Kopf, blickt auf ihre Hände. Heute könne sich doch niemand vorstellen, wie das damals war, murmelt sie.

Als das alte Dresden unterging, floh Dyck nach Bayern

1943 ging Dyck mit den Töchtern nach Danzig. Zwei Jahre später, als die Ostfront schon bedrohlich nahe gekommen war, konnte sie die Stadt an der Ostsee gerade noch rechtzeitig verlassen. Für die alte Dame ist es der Tag der Flucht, der Tag "als Dresden aus der Luft zerschmettert wurde." Am 23. Februar 1945 saß sie im Zug, sah wie verzweifelte Menschen sich an fahrende Waggons festklammerten, Kinder im Arm. Hauptsache weg. Im böhmischen Eger mussten sie warten, ein Kriegsversehrter half ihr mit dem Koffer, doch er erwartete eine Gegenleistung: Entlohnen sollte sie ihn später im Bett. Den Koffer hat Dyck ihm wieder abgenommen: "Ich war zwar ein armes Luder, aber das? Nee!"

Zweiter Weltkrieg 1945

Das blutige Ende des Weltenbrandes

Nach unzähligen Stunden war Dyck mit den Kindern im oberbayerischen Starnberg angekommen. Das Leben war gerettet. Sie kamen bei der Tante unter. Am Tag als ihr Mann aus amerikanischer Gefangenschaft kam, stand er rabenschwarz vor seiner Frau und den Töchtern - er war auf einem Kohlewagen nach Bayern gereist. Den ersten Anblick ihres Mannes hat Dyck nie vergessen: der Schwager schrubbte "den Nackedei" in der Wanne ab.

Die Familie blieb in Bayern. Gerhard Dyck arbeitete wieder als Lehrer. 1977 starb er, 47 Jahre nachdem er Gertrud Dyck geheiratet hatte. Seitdem ist sie Witwe, doch ihre Fröhlichkeit, ihr Strahlen hat sie nicht verloren. Ihre Töchter, fünf Enkel und acht Urenkel kommen regelmäßig zu Besuch. Dann erzählt sie die alten Geschichten. Und singt die Lieder aus der Zeit, als der Kaiser noch über die Deutschen herrschte.

Nachtrag vom 3. März 2014: Anfang Januar hat Dyck einen Schlaganfall erlitten, erholte sich wieder und konnte ins Altenheim zurückkehren. Am 21. Februar 2014 ist sie gestorben. Gertrud Lina Luise Dyck wurde 105 Jahre alt.

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