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100 Tage Bundesregierung:Jede Opposition verrät sich auf ihre Art

Alice Weidel und Alexander Gauland im Bundestag

Die AfD-Führung um Alexander Gauland gibt sich nach 100 Tagen im Bundestag höchst gelassen.

(Foto: dpa)

Die AfD jubelt, die FDP lächelt, die Linken kämpfen mit sich selbst. Und die Grünen machen sich die größten Sorgen, obwohl sie in den Umfragen gut dastehen. Ein Blick auf die Opposition zeigt, wie es um die Stimmung im Land bestellt ist.

Von Stefan Braun, Berlin

Auch wenn sie es niemals zugeben werden, so sind sich AfD und Grüne, sind sich Linkspartei und FDP an einer Stelle zu 100 Prozent einig: die ersten 100 Tage der großen Koalition haben nichts gebracht und enden womöglich in wenigen Tagen im großen Knall und Scheitern. Da mag man links sein oder rechts, aggressiv oder bemüht versöhnlich - an diesem Urteil ändert das alles wenig.

Interessanter allerdings ist beim Blick auf das Oppositionsquartett etwas ganz anderes: Das sehr unterschiedliche Verhalten der vier und ihr Umgang mit der aktuellen Krise erzählt mehr über sie, ihre Ambitionen, ihr Rollenverständnis, als das in ruhigeren 100 Tagen jemals möglich gewesen wäre.

Die AfD jubelt über die Krise, der Vorsitzende der FDP lächelt, obwohl ihm nicht ganz geheuer ist, wie viel Aggressivität sich mittlerweile Bahn bricht, die Grünen machen sich größte Sorgen über die Spaltung im Land und was das für sie bedeutet. Und die Linkspartei ruft nach einer Vertrauensfrage, weil das von der inneren Zerrissenheit ablenkt. Was das bedeutet? Dass nicht nur Regierungen in der Krise zeigen, was in ihnen steckt - und was nicht.

Die AfD genießt es, dass andere ihre Arbeit machen

Die AfD-Führung um Alexander Gauland kann nach 100 Tagen höchst gelassen sein. Sie haben sich das, was sich seit Wochen im Streit zwischen CDU und CSU entwickelt, wahrscheinlich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Dass die CSU in ihren Attacken gegen die Kanzlerin genau das Bild verbreitet, das die AfD so gerne zeichnet - vom scheinbar fatalen Rechtsbruch und der vermeintlich rechtlosen Öffnung der Grenzen - hätten selbst die schärfsten Propagandisten der Partei nicht für möglich gehalten.

Kein Wunder ist es deshalb, dass die AfD sich zuletzt mit besonders aggressiven Auftritten zurückhält; sie ist geschickt genug, um in der Lage nicht von den CSU-Attacken gegen die Kanzlerin abzulenken. Zur 100 Tage Bilanz bleibt von Gauland vor allem ein Satz hängen: Dass auch er bei einer Zurückweisung an der Grenze, wie die CSU sie ankündigt, von einem Domino-Effekt ausgeht - und diesen gut findet.

Gauland greift damit ein Argument der CDU auf - und sagt lächelnd, dass er genau das möchte: einen Domino-Effekt in der Europäischen Union, der dazu führt, dass am Ende alle Flüchtlinge in Italien und Griechenland bleiben und an allen Schengen-Grenzen wieder kontrolliert wird. Gaulands sanft vorgetragene Botschaft: Mag die EU mit ihren offenen Grenzen kaputt gehen - mich stört das nicht.

Damit ist immerhin eines klar: es kann keiner mehr sagen, dass er nicht gewusst habe, welche Ziele die AfD tatsächlich verfolgen würde.

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