100 Jahre Erster Weltkrieg:Woche für Woche bröckeln die Illusionen

Verteilung von Heimarbeit, 1917

Heimarbeit: Rot-Kreuz-Schwestern verteilen Stoffe zur Bearbeitung an Frauen, 1917.

(Foto: SZ Photo/SZ Photo)

In der zweiten Jahreshälfte werden sich die Warenpreise vervielfachen, schließlich bleiben die Regale in den Läden leer. Importe aus Russland, Polen und Übersee fehlen. Deutsche Bauern kämpfen an der Front, statt ihre Felder zu bestellen. Brot und Kartoffeln fehlen als Erstes. Ab 1915 wird die Regierung Lebensmittel rationieren und Lebensmittelmarken ausgeben.

Die "Reichskartoffelstelle" legt als Bedarf für einen erwachsenen Menschen ein Pfund pro Tag fest. Im Jahr darauf wird sich der Hunger noch verschärfen. Die Ernte wird um die Hälfte zurückgehen, die Städte werden ihre Bewohner mit Steckrüben versorgen, um sie vor dem Hungertod zu bewahren. Der Winter ist hart, schon die Zeitgenossen sprechen vom "Steckrübenwinter". Steckrüben sind eigentlich Viehfutter. In der Kälte sterben Hunderttausende Menschen an Hunger und an den Folgen von Unterernährung.

Aber noch ist 1914, noch kauft man Fleisch und sammelt Luftschiffbildchen. Ein Luftschiff wird es sein, das den Luftkrieg eröffnet: Der Flug eines deutschen Zeppelins nach Lüttich in den frühen Morgenstunden des 6. August ist der erste Luftangriff des Krieges. Neun Zivilisten sterben, getötet von Bomben aus der Luft. In den folgenden Jahren werden Bomber und Jagdflugzeuge über den Himmel jagen. Das Flugzeug, eben noch Symbol einer höhenflug- und rekordschwindeligen Nation, verleiht dem Krieg eine neue Dimension.

Mit glänzenden Pickelhauben an die Front

1914 ist auch das Jahr, in dem die Nation noch mit einem Heer in Paradeuniform funkelt, und in dem die Bevölkerung ihren militärischen Stubenschmuck poliert. Soldaten marschieren mit glänzenden Pickelhauben an die Front, dazu tragen sie taillierte Uniformjacken: silbergeknöpft, rotgesäumt, mit Schulterklappen. Scharen von Bürgern treten in vom Staat geförderte Kriegsvereine ein, die eine militärfromme, nationale und monarchische Gesinnung pflegen und die Mitglieder gegen die Sozialdemokratie immunisieren sollen. Der "Kyffhäuserbund" etwa hat fast drei Millionen Mitglieder.

Die Begeisterung wird später umschlagen, als Zerstörung, Hunger und Tod das Land beherrschen. Während der ersten beiden Kriegsjahre gibt es nur wenige Proteste, die Menschen glauben an einen kurzen, dann zumindest an einen siegreichen Krieg. Diese Illusion bröckelt mit jeder Woche. Und als Karl Liebknecht nach einer Antikriegsrede am 1. Mai 1916 festgenommen, des Hochverrats angeklagt und zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt wird, strömen in Berlin massenhaft Menschen für den Frieden auf die Straßen.

Im April des darauffolgenden Jahres, im lang ersehnten Frühling nach dem "Steckrübenwinter", legen zahlreiche Frauen in der Industrie ihre Arbeit nieder und streiken für eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln. Ausgezehrt, müde, hungrig. Ihr Protest bricht ohne nennenswerten Erfolg zusammen.

Im Januar 1918 gehen abermals Hunderttausende Arbeiter auf die Straßen. Für ein sofortiges Kriegsende, für Demokratie und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Mit der Verehrung des militärischen Ideals ist es vorbei. "Des Kriegers Abschied", die Porzellanfigur aus vergangener Zeit, hat sich gewandelt: vom heroischen Vorbild zur Schreckensvision: Zu viele Krieger sind niemals heimgekehrt.

Irrtümer und Selbstüberschätzung

Jene Porzellanfigur aus dem Jahr 1914, aber auch Zinnsoldaten und Röntgengeräte erzählen die Geschichte eines gewaltigen Höhenfluges, von Fortschritt, Aufschwung, Selbstbewusstsein. Gleichzeitig erzählen sie die Geschichte von Irrtümern und Selbstüberschätzung. Sie erzählen eine Geschichte, die der österreichische Erfinder Franz Reichelt Jahre zuvor im Kleinen vorweggenommen hat.

Reichelt steht lange auf der Brüstung des Eiffelturms, gehüllt in seinen Fledermausanzug, und blickt nach unten. Vielleicht erfassen ihn selbst leise Zweifel, niemand weiß es. Er atmet tief durch, breitet die Arme aus und macht einen Schritt nach vorne. Es ist kein Sprung mehr, es ist ein Fallenlassen. 57 Meter sind es bis zum Boden, weniger als vier Sekunden. Dann schlägt er ungebremst auf dem Boden auf und stirbt.

szw

Der Text ist dem SZ-Buch "Menschen im Krieg" entnommen. Es enthält weitere Essays über den Ersten Weltkrieg und seltene Fotos aus dem SZ-Archiv. Erhältlich ist das Buch unter sz-shop.de für 24,90 €, für SZ-Abonnenten 21,10 €

© SZ.de/odg/fehu
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