Zehnter Todestag von Jörg Haider:"Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist"

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3. Den Medien regelmäßig Aufreger liefern

Es gehört zur zentralen Taktik von Rechtspopulisten, den Medien Aufreger zu liefern. Haider perfektionierte das als Erster in Europa. Bis heute sind österreichische Journalisten gespalten, wenn es um die Frage geht, ob ihre Branche Haider groß gemacht habe. 2002 beantworte der damalige News-Herausgeber Alfred Worm die Frage "schlicht und einfach mit ja". Mediale Zurückhaltung hätte an seinem Aufstieg aber auch nichts geändert, fügte Worm damals bei einer Podiumsdiskussion hinzu. Das Nachrichtenmagazin News hat zu Haiders Hoch-Zeiten ein Cover nach dem anderen mit seinem Konterfei gedruckt.

In Deutschland wird die Frage in Bezug auf die AfD heute ähnlich diskutiert. Anders als bei den deutschen Rechtspopulisten kam Haider aber nicht nur wegen seiner provokanten Sprüche und Forderungen regelmäßig in die Schlagzeilen. Er schillerte als Figur so, dass er auch außerhalb seiner Anhängerschaft faszinierte. "Haider ist von Brücken gesprungen, war braun gebrannt, galt als jung, dynamisch und frech: Er war ganz anders als die anderen Politiker Anfang der 90er Jahre", erklärt Stainer-Hämmerle. "Und keinem anderen Politiker war die mediale Wirkung so bewusst und so wichtig wie ihm." Haider führte in Fernsehdiskussionen auch als Erster in Österreich das "Taferl" ein, ein kleines Schild mit einer Forderung, die er dann in die Kamera hielt. Wie bei vielen seiner Methoden hatte er sich das in den USA abgeschaut, wo er eine Zeit lang gelebt hatte.

4. Die Flanke zur radikalen Rechten offen halten

Dem Kärntner Landeshauptmann wird aus heutiger Sicht eine gewisse ideologische Flexibilität eingeräumt. "Für eine klare rechte Ideologie war er viel zu open-minded", sagt beispielsweise Petzner über Haider. Das hinderte den früheren FPÖ-Chef aber nicht daran, Nähe zum rechten Rand zu leben. So behauptete Haider im ORF 1995, dass die "Waffen-SS Teil der Wehrmacht" gewesen sei und ihr "daher alle Ehre und Anerkennung" zukomme. Größte Empörung gab es auch 1991 nach seinen Aussagen zur Beschäftigungspolitik des Dritten Reichs: "Na, das hat's im Dritten Reich nicht gegeben, weil im Dritten Reich haben sie ordentliche Beschäftigungspolitik gemacht, was nicht einmal Ihre Regierung in Wien zusammenbringt. Das muss man auch einmal sagen."

Haider sagte solche Dinge, um zu provozieren - aber auch, um die Flanke zur radikalen Rechten offen zu halten. Er habe seine Wurzeln bedient, erklärt der österreichische Politologe Peter Filzmaier anlässlich des Todestages der APA. Haiders Eltern seien schließlich NSDAP-Anhänger gewesen.

Der langjährige FPÖ-Chef mühte sich dabei immer, mehrheitsfähig zu bleiben. So entschuldigte er sich im Nachhinein, um moderatere Wähler nicht abzuschrecken.

Was sein Personal angeht, bediente er sich hingegen kaum in den rechten Burschenschaftermilieus, die sonst in der FPÖ stark waren - und die es heute unter Heinz-Christian Strache auch wieder sind -, sondern rekrutierte vor allem junge, männliche Karrieristen, die sogenannte "Buberl-Partie".

5. Sich als Kämpfer gegen die Eliten inszenieren

Dass Populisten sich gerne als Kämpfer des kleinen Mannes stilisieren, ist schon Stoff für mehrere Handbücher geworden und lässt sich durch zahlreiche Beispiele belegen. So inszenierte sich Marine Le Pen im französischen Wahlkampf gegen Emmanuel Macron als "Kandidatin des Volkes", der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer diffamierte in seiner Kampagne den Kontrahenten und heutigen österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen als elitären Städter. Auch Donald Trump schaffte es, sich für die einfachen Arbeiter als einer von ihnen zu verkaufen - auch wenn er als Milliardär mehr als privilegiert ist.

Wir gegen die, unten gegen oben - auch hier legte Haider schon vor Jahrzehnten vor. "Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist" war einer der bekanntesten Wahlkampfslogans Haiders. Der Satz setzte den Ton für die FPÖ-Kampagne 1994, wo einzig und alleine Jörg Haider eine Rolle spielte. Genau die gleichen Worte nutzte übrigens der heutige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache später für seine Plakate.

Haider inszenierte sich bewusst als Politiker, der immer ein offenes Ohr für die Österreicher hat, der sich wie ein Robin Hood gegen die Vorherrschaft der großen Parteien SPÖ und ÖVP stellt. Er trat "gegen die Privilegien von denen da oben" auf - und das glaubhaft, obwohl er natürlich selbst einer "von denen" war.

Noch heute sagen viele Kärntner, dass der damalige Landeshauptmann immer und überall für die Menschen dagewesen sei. Es soll kaum einen in ihrem Bundesland geben, der ihm nicht die Hand geschüttelt habe. Dass das bei weitem nicht stimmt und damals wie heute viele Kritiker Haiders in Kärnten leben, geht in der verklärten Sicht ein wenig unter.

Es zeigt aber auch, wie effektiv Haiders Methoden waren, wie positiv er sich dadurch bei vielen Menschen hervortat. Es erklärt, warum an seiner Unfallstelle bis heute Kerzen für ihn aufgestellt werden - auch wenn er Kärnten so gut wie pleite hinterlassen hat. "Die verklärte Sicht auf Haider hat in den vergangenen Jahren stark abgenommen - trotzdem trauern einige ihm weiterhin nach", sagt Expertin Kathrin Stainer-Hämmerle. "Egal, was er gemacht hat: Haider war einfach niemand lange böse."

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