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1. Mai in Berlin:Wem gehört die Stadt?

1. Mai in Berlin - Demonstrationen

"Wir sind überall" war das Motto der Revolutionären 1.-Mai-Demonstration in Berlin.

(Foto: dpa)

Auf der einen Seite linker Revolutionsgestus, auf der anderen Seite Kommerz: Das Nebeneinander von 1.-Mai-Demo und Myfest in Berlin-Kreuzberg steht für Fliehkräfte, denen die Stadt das ganze Jahr ausgesetzt ist.

1. Mai in Kreuzberg, das sind rote Fahnen über den Köpfen von schwarz gekleideten Aktivistinnen und Aktivisten. Steine und Böller, die auf Polizisten fliegen. Verrammelte Geschäfte und Banken. 1. Mai in Kreuzberg, das ist: Wir sind überall.

1. Mai in Kreuzberg, das sind überfüllte U-Bahnhöfe. Menschenmassen, die sich von Bühne zu Bühne drängen. Betrunkene Männer, die an Zäune pinkeln. 1. Mai in Kreuzberg, das ist schon ziemlich Ballermann.

An diesem Freitag kamen etwa 18 000 Menschen abends zur traditionellen "revolutionären" 1.-Mai-Demonstration nach Kreuzberg. Etwa 44 000 Menschen besuchten das Myfest rund um die Oranienstraße, das schon am Nachmittag begann. Das Nebeneinander von Demo und Myfest, von linkem Revolutionsgestus und nachbarschaftlicher Party, gibt es in Kreuzberg seit nunmehr zwölf Jahren.

Das eine ist in etwa so leicht unmöglich zu finden wie das andere. Revolutionäre 1.-Mai-Demo - allein der Name! Die ungelenke 70er-Jahre-Rhetorik dieser Linken! Vor allem aber die Sache mit den Steinen und den Böllern, dieses pauschale 'Alle Bullen sind Schweine". Nichts als pseudorevolutionäres Potenzgeprotze.

Und daneben: Bier aus Plastikbechern, Dönerstände am Straßenrand. Weltmusik, Rockmusik, Samba auf den Bühnen und Gehsteigen. Da geht's doch nur noch ums Geschäft mit den Tausenden, die einmal im Jahr aus Spandau und Pankow nach Kreuzberg fahren, um sich inmitten der Reste einstiger Alternativkultur zu vergnügen.

Entstanden ist dieses Nebeneinander, weil einige Kreuzberger im Jahr 2003 keine Lust mehr auf die jährlichen Straßenschlachten vor ihrem Fenster hatten und den Steinewerfern etwas entgegensetzen wollten: ein Straßenfest im Kiez, das Myfest. Es ging dabei um eine Frage, die heute in Berlin mindestens so aktuell ist wie damals: Wem gehört diese Stadt, die lange so ziemlich jedem Platz bot, in der inzwischen aber ziemlich unerbitterte Verteilungskämpfe toben?