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Kriminalität:Mordserie erschüttert Zypern

Mordserie auf Zypern

Polizisten suchen mit Hilfe einer speziellen Kamera in einem See in der Nähe des Dorfes Mitsero auf Zypern nach Leichen.

(Foto: Petros Karadjias/dpa)
  • Ein 35-jähriger Offizier der griechisch-zyprischen Nationalgarde hat sieben Morde gestanden, die Polizei schließt nicht aus, dass es noch mehr Opfer gibt.
  • Der Fall hat bereits den Justizminister und den Polizeichef des Landes den Job gekostet.
  • Wie die meisten Opfer sind auch viel auf Zypern arbeitende Haushaltshilfen asiatischer Herkunft. Der Fall wirft ein Schlagflicht auf die schlechten Arbeitsbedingungen.

In einem Kratersee, rotgefärbt von den Abwässern einer Kupfermine, haben sie am Sonntag die fünfte Leiche gefunden. Vermutlich die eines Kindes, stark verwest, in einem Koffer. Zypern wird von einer Mordserie erschüttert, die für die Insel bislang beispiellos ist. Der mutmaßliche Täter, ein 35-jähriger Offizier der griechisch-zyprischen Nationalgarde, hat bereits sieben Morde gestanden. Die Polizei schließt nicht aus, dass es noch mehr Opfer gibt. Am Montag ging die Suche weiter.

Nikos M. hatte die Frauen über eine Dating-App kontaktiert. Die ersten Opfer wurden schon seit 2016 vermisst, die Polizei hatte sich aber nicht um Aufklärung bemüht. Erst nachdem am 14. April ein deutscher Tourist beim Wandern in einem ehemaligen Minengebiet am Fuße des Troodos-Gebirges eine Frauenleiche entdeckte, kamen die Ermittlungen in Gang. Die Tote war mit einem Seil gefesselt und nackt. Nun ging es plötzlich sehr schnell.

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Mutter und ihre kleine Tochter verschwunden

Die Frau wurde von einer Mitbewohnerin als die 38-jährige Mary Rose Tiburcio identifiziert. Sie stammte von den Philippinen und war auf Zypern vor fast einem Jahr zusammen mit ihrer sechsjährigen Tochter Sierra als vermisst gemeldet worden. Mutter und Tochter waren von einem Treffen mit dem Mann, der sich auf der Dating-App Orestis nannte - nach einer Figur der griechischen Mythologie - nicht zurückgekehrt.

Über die Chat-Verläufe wurde Nikos M. rasch gefunden. Erst leugnete der verheiratete zweifache Vater, dann schilderte er in einem zehnseitigen handgeschriebenen Geständnis die Mordserie. Das half der Polizei die Leichen weiterer Opfer zu finden, in der Nähe eines militärischen Schießstands und in demselben Minenkrater, wo auch die erste Tote, Mary Rose Tiburcio, entdeckt worden war.

Tiburcio arbeite wie die anderen getöteten Frauen auf Zypern als Haushaltshilfe. Fast alle kamen aus Asien. Eine Frau, die mit ihrer achtjährigen Tochter verschwand, stammte aus Rumänien. Etwa 70 000 bis 80 000 Arbeitsmigranten gibt es im griechischen Teil der Insel, darunter viele Frauen, die in Haushalten arbeiten. Das EU-Land Zypern hat etwa 855 000 Einwohner, der Norden der Insel, der de facto nicht zur EU gehört, etwa 325 000. Nach dem Verschwinden von Tiburcio und ihrer Tochter hatte die Polizei 2018 nichts unternommen, sie hatte erklärt, die beiden seien vermutlich in den türkischen Norden der seit 1974 geteilten Insel gegangen, und dort könne man nichts unternehmen.

"Bürger zweiter Klasse"

Mordserie auf Zypern

Asiatische Frauen demonstrieren vor dem Präsidentenpalast und gedenken der Opfer einer mutmaßlichen Mordserie.

(Foto: dpa)

Für Doros Polykarpou, den Chef der Menschenrechtsorganisation Kisa in Nikosia, ist dies eine altbekannte Ausrede. Kisa betreut ausländische Arbeitskräfte. Die würden, sagt Polykarpou, in Zypern oft "als Bürger zweiter Klasse" behandelt. Deshalb habe die Polizei nichts getan.

Am vergangenen Freitag musste der Polizeichef seinen Hut nehmen. Zyperns Präsident Nikos Anastasiadis begründete die Entlassung mit dem Versagen der Ermittler. Am Tag zuvor war Justizminister Ionas Nikolaou, ein Vertrauter von Anastasiadis, zurückgetreten. Nikolaou sagte, er übernehme die "politische Verantwortung", auch wenn er sich persönlich keiner Schuld bewusst sei. Vor dem Präsidentenpalast hatten sich zuvor rund 1000 Demonstranten versammelt, unter ihnen viele Frauen von den Philippinen. Sie entzündeten Kerzen für die Mordopfer und verlasen die Namen weiterer vermisster Migranten. "Wo sind sie", rief die Menge nach jedem Namen.

Die Morde werfen ein Schlaglicht auf die Lage der "Gastarbeiter" in Zypern. Hilfsorganisationen sprechen von "moderner Sklaverei". Die Frauen werden von Agenturen in ihren Heimatländern angeworben, bezahlt wird oft weniger als der Mindestlohn von 400 Euro im Monat. Viele Frauen kommen von den Philippinen, aus Vietnam, Sri Lanka, Indien oder Nepal. Weil Zypern Teil der EU ist, gilt es als attraktiver als beispielweise die Golfstaaten, wo auch viele Asiatinnen arbeiten. Viele der Migranten sind Christen, sie füllen an Sonntagen die Kirchen von Nikosia. Die Vermittler in ihren Heimatländern verlangen häufig mehrere Tausend Euro. Die müssen die Frauen dann erst einmal abarbeiten. Auch wird es ihnen oft schwergemacht, den Arbeitgeber zu wechseln. Immer wieder klagten Frauen auch über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, berichtet die Hilfsorganisation Kisa. Auch solche Fälle würden von der Polizei meist nicht verfolgt.

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