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Zwangsverheiratungen in Indien:Ein schnelles Umdenken ist nicht zu erwarten

"Dies ist ein wegweisendes Urteil", sagt Ranjana Kumari, Frauenrechtlerin beim "Centre for Social Research." Das Urteil könne langfristig eine abschreckende Wirkung entfalten. Aber schnell sei ein Umdenken nicht zu erwarten. Für die Regierung ist der Richterspruch jedoch bindend, sie muss der Linie des Supreme Courts folgen und das Strafrecht ändern.

Und wie findet Rajgopal Yadav das Urteil? "Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll." Er kann sich nicht vorstellen, dass sich an den Bräuchen zu Hause schnell etwas ändert. "Höchstens ganz langsam. Vielleicht." Frauenrechtlerin Kumari erzählt vom alten Glauben unter Hindus, wonach die Familie besonderen göttlichen Segen erfährt, wenn die Tochter noch vor der Menstruation verheiratet wird. Kleriker lehren in Indien, dass die Kinder mit dem Einsetzen der Pubertät bereit seien, Kinder zu bekommen.

Mädchen werden oft als ökonomische Last empfunden

Für die Mädchen sind die Traditionen verheerend. "Sie verlassen die Schule und frühe Geburten schaden ihrer gesundheitlichen Entwicklung", sagt Kumari. Dennoch ist es mühsam, dagegen anzukämpfen. "Das liegt auch daran, dass Mädchen oft als ökonomische Last empfunden werden. Familien glauben, es lohne sich nicht, in sie zu investieren, weil es später eben die Söhne sind, die sich um die Eltern kümmern, während die Töchter in die Haushalte ihrer Ehemänner abwandern."

So wie Sushma, die Tochter von Rajgopal Yadav. "Die Hochzeit hat mich viel Geld gekostet", erinnert sich der Vater. Die Familie des Bräutigams wünschte sich ein schickes Motorrad als Geschenk. Yadav hat nicht gewagt, das abzulehnen, obgleich die Zahlung einer Mitgift per Gesetz untersagt ist. Yadav hat sein Auto verkauft, um das Geld aufzutreiben. Aber er hat auch früh die Verantwortung für die Tochter abgegeben. Einmal groß zahlen. Und dann ist das Mädchen fort.

Yadav glaubt, dass es der richtige Weg war. Und das Trauma einer frühen Ehe, wie es die Richter geißeln? "Ich weiß nicht, darüber habe ich nie nachgedacht", sagt er. "Ich bin sicher, meiner Tochter geht es gut."

© SZ vom 13.10.2017/spes
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