Zum Tod von Kardinal Lehmann Der Intellektuelle des Herrn

Als Vorsitzender der Bischofskonferenz hatte Karl Lehmann Konflikte mit dem Vatikan und ertrug manche Demütigung. Über einen außergewöhnlichen Kirchenmann, der vorausdachte, was nun unter Papst Franziskus geschieht.

Nachruf von Matthias Drobinski

Es ist nicht ganz zwei Jahre her, Anfang Mai war es und ein warmer Frühlingstag, da trat der Kardinal noch einmal zum Interview mit der Süddeutschen Zeitung an, in ein paar Tagen, würde sein letzter Arbeitstag als Bischof von Mainz sein. Die mehr als 100 000 Bücher im Bischofshaus verströmten ihren Papiergeruch, mühsam humpelte Karl Lehmann auf kaputten Knien heran und legte los wie immer, mit knarzender Stimme.

Es ging über Papst Franziskus und über Europa, über die AfD ("eine Partei in der Pubertät") und Geschiedene, die wieder geheiratet haben ("sollen einen Platz in der Kirche haben"), über die Zukunft von Kirche und Christentum. Ein typisches Lehmann-Gespräch über Gott, die Welt und was ihm alles in den Sinn kam, nachdenklich, abwägend, und, ach ja, auch dieser Aspekt müsste noch bedacht werden. Am Ende ein herzlicher Händedruck: Bis zum nächsten Treffen, im Ruhestand.

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Dazu kam es nicht mehr. Bald nach dem großen Abschiedsgottesdienst im Mainzer Dom, zum Pfingstfest 2016, versagte der Körper, den der ruhelose Karl Lehmann ein halbes Jahrhundert lang in durchgearbeiteten Nächten, endlosen Sitzungen und nervenzehrenden Vortragsreisen malträtiert hatte, zunehmend den Dienst. Im September 2017 dann der Schlaganfall. Ende 2007 war der Kardinal schon einmal am Altar zusammengebrochen; danach hatte er den Vorsitz der Bischofskonferenz abgegeben. Diesmal erholte er sich nicht mehr. "Ruhig und gelassen", so sein Bischofs-Nachfolger Peter Kohlgraf, sei Lehmann dem Tod entgegen gegangen.

Die katholische Kirche verliert in Kardinal Karl Lehmann einen ihrer Intellektuellen, einen, der sich sein Leben lang dafür einsetzte, dass die katholische Kirche im Dialog mit der Gesellschaft blieb, mit der Politik, der Kultur, der Wissenschaft - und im Dialog mit den evangelischen Geschwistern im Glauben. Ohne Lehmann wäre die Ökumene längst nicht so weit, wie sie heute ist. Als Theologe, in den 33 Jahren als Bischof und den 20 Jahren als Vorsitzender der Bischofskonferenz hat er dafür gearbeitet, die Grenzen dieser katholischen Kirche zu weiten, ohne sie zu durchbrechen. Er hat sich von den Vorwärtsdrängenden belächeln und von den Konservativen beschimpfen lassen, die in der "Lehmann-Kirche" den Ausverkauf des rechten Glaubens an den Zeitgeist witterten.

Er hat manche Demütigung ertragen

Lehmann hat vieles vorausgedacht, was nun unter Papst Franziskus geschieht. Er hat dafür die Konflikte mit der Kirchenspitze in Rom in Kauf genommen und auch manche Demütigung ertragen in der Beharrlichkeit desjenigen, der überzeugt ist, dass die Argumente auf seiner Seite sind.

Mit 32 Jahren schon ist das Dorflehrerskind Karl Lehmann Professor, einer jener jungen Theologen, die Ende der 60er Jahre von den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils begeistert sind. Er wird Sekretär der Würzburger Synode, auf der Bischöfe und Laien von 1971 bis 1975 gemeinsam über die Zukunft ihrer Kirche beraten. 1983 ernennt ihn jener Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Mainz, mit 47 Jahren ist er damals Deutschlands jüngster Bischof. Mit dem Papst wird Lehmann schon bald seine Konflikte austragen: Dass ihn 1987 vor allem die jüngeren Bischöfe zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz wählen, ist überhaupt nicht im Sinne Roms.

Lehmann weigert sich, jene Königsteiner Erklärung zurückzunehmen, mit der die deutschen Bischöfe nach dem Verbot künstlicher Verhütungsmittel durch Papst Paul VI. erklärt hatten, jeder Katholik müsse da sein eigenes Gewissen prüfen. Als er gemeinsam mit zwei Amtsbrüdern vorschlägt, dass Geschiedene, die wieder geheiratet haben, in Ausnahmefällen zu Kommunion zugelassen werden können, bestellt Papst Johannes Paul II. ihn nach Rom und verbietet das ausdrücklich.

Sein Lieblingswort: Zuversicht

Besonders bitter ist der jahrelange Streit mit dem Papst und Kardinal Joseph Ratzinger, dem langjährigen Präfekten der Glaubenskongregation. Es ging um die Beratung von Frauen, die überlegen abzutreiben. Für Lehmann ist diese Beratung im staatlichen System notwendig, um Frauen zu helfen und Abtreibungen zu verhindern; für Johannes Paul und Joseph Ratzinger dagegen wird die Kirche so Teil eines verwerflichen Abtreibungssystems. Am Ende müssen die deutschen Bischöfe sich beugen. 2001 erhält Lehmann die Kardinalswürde, als versöhnende Geste, mit der er selber nicht mehr gerechnet hat. Sie ist auch die Anerkennung seiner Beharrlichkeit und - trotz aller Konflikte - unbedingten Treue zu seiner Kirche

2013 gehört Lehmann noch einmal zu den Papstwählern - es heißt, dass er sehr dazu beigetragen hat, dass Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires Papst Franziskus wurde. Am Abend jenes 13. März jedenfalls traf man in Rom einen glücklichen Kardinal Lehmann. Erkennbar glücklich war er auch drei Jahre später, als er, sichtlich gezeichnet, zu Beginn des Reformationsjahres die Luther-Medaille entgegennahm, die höchste Auszeichnung, die die evangelische Kirche zu vergeben hat.

Im Mainzer Bischofshaus hatte Lehmann seinen eigenen, von Karlheinz Oswald in Bronze gegossenen Kopf stehen, mit tiefen Falten, geflickt, gezeichnet. Er hat es gemocht, das zerfurchte Bild seiner selbst, das Bild eines Menschen, der sich aufreibt und entäußert. Die Duden-Redaktion hat ihn einmal nach seinem Lieblingswort gefragt; er hat "Zuversicht" geantwortet. Nicht den Optimismus mit seinem falschen Lächeln und positiven Denken, sondern jene Haltung, die weiß, dass die Welt in der Krise ist - und trotzdem darauf baut, dass Gott sie schon nicht zuschanden gehen lässt.

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