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Zugunglück in Spanien:Ermittler wollen Lokführer zur Katastrophe befragen

Zugunglück Spanien Santiago de Compostela

80 Tote, Dutzende Verletzte, der Zug völlig zerstört: Spanien forscht nach den Ursachen des Zugunglücks.

(Foto: dpa)

Wie konnte es zu dem verheerenden Zugunglück bei Santiago de Compostela kommen? Darüber soll die Vernehmung des Lokführers schon heute Aufschluss geben. Er hatte zugegeben, viel zu schnell gefahren zu sein. Die Lokführer-Gewerkschaft bestreitet jedoch, dass menschliches Versagen Ursache des Unfalls ist.

Nach der Zugkatastrophe in Spanien mit 80 Toten wird mit Spannung die erste Vernehmung des Lokführers erwartet. Der 52-Jährige soll sich nach Medienberichten bereits an diesem Freitag als Beschuldigter bei der Polizei zum Unfallhergang äußern.

Der Mann sei im Krankenhaus unter Polizeibewachung gestellt worden, teilte ein Regionalgericht in Galicien mit. Bei der für Freitag erwarteten Vernehmung werde ihm ein Anwalt zur Seite gestellt, sagte eine Gerichtssprecherin. Der Lokführer und sein Assistent überlebten das Unglück nahezu unverletzt.

Er hatte nach Informationen aus Ermittlerkreisen eingeräumt, dass der Zug auf einer Tempo-80-Strecke mit 190 Kilometern pro Stunde gefahren sei. Gewerkschaften nahmen den erfahrenen Lokführer aber in Schutz und erklärten: Schuld sei das ungeeignete Tempokontrollsystem gewesen.

Wie die Regionalbehörden in Galicien mitteilten, wurden bei dem schwersten Eisenbahnunglück in Spanien seit mehr als 40 Jahren 178 Fahrgäste verletzt. Bei 33 Menschen war der Zustand am Donnerstagabend noch kritisch. Nur 53 der 80 Todesopfer konnten rasch identifiziert werden. Gerichtsmediziner erklärten, die Identifizierung einiger Toten werde länger dauern.

Darüber, warum der Zug so schnell in die Kurve vier Kilometer vor dem Bahnhof des Wallfahrtsortes Santiago de Compostela eingebogen sein soll, wurde zunächst nichts bekannt. Die staatliche Bahngesellschaft Renfe warnte vor vorschnellen Schlussfolgerungen.

Erfahrener Lokführer

Renfe-Präsident Julio Gómez-Pomar erklärte, der Unglückszug sei am Morgen vor dem Unfall inspiziert worden. Er bezeichnete den Lokführer als erfahren und wies darauf hin, dass der Mann seit mehr als einem Jahr auf der Unglücksstrecke im Dienst gewesen sei.

Die Lokführer-Gewerkschaft (Semaf) brachte eine Debatte mit der Behauptung ins Rollen, die Tragödie hätte mit dem modernen ERTMS-Tempokontrollsystem an der Unglücksstelle verhindert werden können. Da die 2011 eingeweihte Hochgeschwindigkeitsstrecke aber vier Kilometer vor Santiago - kurz vor der Unfallstelle - ende, sei das ältere Asfa-System im Einsatz gewesen, das den Zug beim Überschreiten der erlaubten Geschwindigkeit nicht immer automatisch abbremse, klagte Semaf-Generalsekretär Juan Jesús Fraile im Radio. "Ideal wäre es gewesen, wenn man die Hochgeschwindigkeitsstrecke bis Santiago fertiggebaut hätte", sagte er.

Die Eisenbahninfrastruktur-Behörde Adif wies die Vorwürfe zurück. Im städtischen Raum und bei der Stationseinfahrt sei das Asfa das geeignete System, hieß es. Polizei- und Eisenbahnexperten untersuchen die Unfallursache. Einen Anschlag schlossen die Ermittler schnell aus.

Nach Informationen der Zeitung El País soll der Lokführer unmittelbar nach der Katastrophe über Funk der Leitstelle im Bahnhof von Santiago gesagt haben: "Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn die gingen auf mein Gewissen."

Die Zugkatastrophe nahe der Pilgerstadt Santiago de Compostela war das erste tödliche Unglück auf einer Strecke des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes. Das Unglück hat Spanien in einen Schockzustand versetzt. Alle Feiern zum Jakobsfest wurden abgesagt und für das ganze Land eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich erschüttert. Die Bilder von der Unglücksstelle "lassen das entsetzliche Leid nur erahnen", schrieb sie in einem Beileidstelegramm an Ministerpräsident Mariano Rajoy.

Der Zug war am Mittwoch auf der Fahrt von Madrid zur Küstenstadt Ferrol im Nordwesten Spaniens gewesen. Die Waggons des Zuges wurden bei dem Unglück auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Betonwand und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg.