Zooserie (8): Wildpark Poing:Nah am Wildtier

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Flanierende Adler und freilaufende Rehe - im Wildpark Poing können die Besucher mit den Tieren auf Tuchfühlung gehen. Doch letztlich entscheiden diese, wie nah sie den Menschen kommen - und wann sie lieber Abstand halten.

Barbara Galaktionow

"Mann, wir sehen gar nichts", mault ein etwa achtjähriger Steppke schon bevor es überhaupt losgeht. Er, seine Mitschüler und Lehrerinnen schieben sich am Zaun entlang auf die hintere Reihe der paar Holzbänke, die im Halbrund um eine große Wiese aufgestellt sind.

Denn - anders als in der Schule - sind bei der Greifvogelschau im Wildpark Poing die Sitzplätze in den ersten Reihen alle dicht besetzt. Doch die Sorge des Jungen ist unbegründet - auch für die hinteren Reihen wird es spannend.

"Kopf runter", ruft Falkner Rudolf Maier ins Mikrofon. Kinder und erwachsene Begleiter ducken sich, als Weißkopfadler Sam dicht über ihren Köpfen hinwegrauscht. Der Vogel landet auf einem Holzgeländer - keinen halben Meter von einigen Schülern entfernt.

Vogelschau mit Lehrzweck

Neugierde, aber auch ein gewisses Unbehagen angesichts des gefährlich aussehenden Tiers stehen den Kindern ins Gesicht geschrieben. Im Wildpark Poing kommen Mensch und Tier sich eben nah - zumindest, wenn die Tiere es wollen.

Die Schau mit den früher gemeinhin als Raubvögeln bezeichneten Tieren ist sicherlich das Spektakulärste, was der östlich von München liegende Wildpark Poing zu bieten hat. Seit nunmehr 15 Jahren betreut der Allgäuer Falkner Maier die Vorführung mit "Lehrzweck".

Bei dieser können die Zuschauer die majestätischen Tiere nicht nur im Flug, beim Angriff oder kleinen Spaziergängen beobachten, sondern erhalten nebenbei auch ein paar grundlegende Informationen über die Vögel, beispielsweise über ihr Flug- und Jagdverhalten.

Parkeigentümer Josef Festl zeigt sich allerdings realistisch, was den Lehrcharakter der Veranstaltung angeht: Wenn einer danach einen Bussard erkenne, dann sei das schon ein kleiner Erfolg, stellt er fest.

Die Greifvogelschau war die erste eigenständige Neuerung, die Festl vornahm, als er in den frühen 90er Jahren von seinem Vater die Leitung des Wildparks übernahm.

Im Vergleich zu herkömmlichen Zoos, die meist Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, ist der Wildpark Poing eine relativ junge Einrichtung. Er entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg - und war zunächst gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Im Jahr 1959 legte sich Josef Festl senior, der Vater des heutigen Eigentümers, ein paar Hirsche und Rehe zu und brachte sie auf einem Waldstück unter, das zu seinem Gutshof gehörte. Erst das Interesse von Spaziergängern an seinem Dammwild brachte ihn dann auf die Idee, den eigentlichen Wildpark zu gründen.

Keine Exoten

"Die Leute warn am Zaun gestanden", erzählt Festl junior. Deshalb habe man sich 1970 entschlossen, das Areal für Besucher zu öffnen. Der weitere Ausbau des Parks, die Aufnahme unterschiedlicher Tiere, das alles habe sich dann "historisch entwickelt", so Festl weiter.

Aufgrund seiner Entstehungsgeschichte unterscheidet sich der Wildpark denn auch deutlich von den üblichen Zoos mit ihrem kolonialen Hintergrund. Das gilt für die Auswahl der Tiere ebenso wie für die gesamte Anlage und Atmosphäre. Im Wildpark gibt es keine exotischen Geschöpfe.

Wer Tiger und Giraffen sehen will, muss man woanders hingehen - in der Poinger Anlage finden sich neben den Greifvögeln Rehe und Wildschweine, Wölfe und Riesenkaninchen. Alle hier gezeigten Tiere kommen laut Festl in Deutschland oder zumindest in Europa auch in freier Wildbahn vor.

Das eigentlich Besondere des 570.000 Quadratmeter großen Wildgeheges ist die naturnahe Gestaltung des weitläufigen Geländes und der einzelnen Gehege und Volieren, die dem natürlichen Lebensraum der Tiere nachempfunden ist und den Bedürfnissen der Tiere entspricht.

"Jedes Tier kann so schnell laufen wie es von Natur aus kann", betont Eigentümer Festl. Vor allem die größeren Tiere werden nicht so sehr vorgeführt, sondern haben die Möglichkeit sich zurückzuziehen.

Da kann es dann schon mal passieren, dass Besucher die vierköpfige Braunbärfamilie nur in der Ferne hinter Büschen und Bäumen erspähen können. Mama Mia und ihre Ende Dezember geborenen Bärenkinder Maja, Mette und Molly leben seit März in dem Freigehege und sind seither eine der Hauptattraktionen des Parks. Und sie haben es ganz gut dort.

Denn das 30.000 Quadratmeter große Gelände entspricht den "hohen Standards" für die artgemäße Unterbringung von Bären, wie sie auch in bestehenden Bärenschutz-Zentren gelten, bescheinigen die Tierschutzstiftung Vier Pfoten und die Stiftung Bären dem Wildpark Poing.

Eigentlich sollte in dem Gehege Braunbär Bruno eine neue Heimat finden, der im vergangenen Jahr Teile Bayerns und Österreichs unsicher machte. Der Abschuss des streunenden Tiers setzte diesem Plan jedoch ein jähes Ende.

Automatenfutter für 50 Cent

Gerade die Rückzugsgelegenheiten der Tiere im Wildpark ermöglichen ungezwungene Begegnungen zwischen Mensch und Tier - zum Teil sogar ohne trennenden Zaun.

In einem großzügigen Waldareal laufen Rehe und Hirsche nämlich frei herum und kommen ohne Scheu nah an die Besucher heran - vor allem, wenn diese für 50 Cent geeignetes Futter aus einem der herumstehenden Automaten gezogen haben.

Das Verhalten der Besucher ist allerdings je nach Alter unterschiedlich. Während ein Zweijähriger konzentriert und voller stummer Ehrfurcht verfolgt, wie ihm ein Reh mit seiner weichen Schnauze das Futter von der Hand lupft, versucht ein Halbwüchsiger, sich vor seinen Mitschülern zu profilieren, indem er seine Futtertüte über dem Kopf eines Rehleins entleert - was allerdings an der Reaktionsschnelle des flinken Tieres scheitert.

Für die Ernährung der Rehe und Hirsche sind die Zuwendungen der Besucher ohnehin nicht notwendig. Denn im Wildpark ist es wie in einem richtigen Wald: "Alles Wild versorgt sich selbst", sagt Parkeigentümer Festl - außer im Winter. Der Bestand sei von der Zahl her darauf abgestimmt.

Abgeschossene Rehe und Hirsche würden an Greifvögel, Wölfe und andere Fleischfresser im Park verfüttert. Dennoch müssten jedes Jahr "Tausende Kilo Rindfleisch" zugekauft werden. Heu und Rüben stammten zum Teil aus der eigenen Landwirtschaft.

Unbehelligtes Scharren

Festl ist stolz darauf, dass alle Investitionen im Wildpark ohne einen einzigen Zuschuss getätigt worden seien. Der Wildparkbetrieb trägt sich laut Festl über die - im Vergleich trotzdem moderaten - Preise für Eintritt und Snacks selbst.

Doch auch Mitgebrachtes können Besucher im Wildpark verzehren. Wer nicht im Trubel um den Kiosk sitzen will, findet im letzten Drittel des vier Kilometer langen Weges einige ruhige Plätzchen. Offenbar drehen nur wenige Schulklassen die ganze Runde.

Verschiedene Kleintiere wie Perlhühner, Hasenkaninchen und Iltisse scharren hier nahezu unbehelligt in ihren Käfigen. Rechterhand erstreckt sich das Luchsgehege - doch keine der großen Katzen lässt sich blicken.

Auch die Adler, Falken und Eulen von der Flugschau haben die Möglichkeit, sich dem Betrieb im Wildpark zu entziehen. Gelegentlich kehrt einer der Vögel nach der Vorführung nicht gleich in seinen Käfig zurück, sondern zieht lieber weiter am Himmel seine Bahnen.

"Es gibt Tage, wo sie erst am Abend kommen", berichtet Falkner Rudolf Maier. Nur selten bleibt ein Vogel noch länger aus. Doch früher oder später kehren selbst die fluglustigsten Vögel wieder zurück - meist sogar pünktlich zur nächsten Greifvogelschau.

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