Zellen des Zweifels

Die Geologin Gerta Keller behauptet, dass nicht ein einzelner Meteorit die Dinosaurier vernichtet haben kann.

Von Interview: Hubertus Breuer

Eigentlich ist die Theorie etabliert, dass ein einzelner, großer Asteroid die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren mit einem Schlag auslöschte - der Brocken aus dem All soll auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan eingeschlagen sein.

Doch nun legen neue geologische Daten aus dem Einschlagskrater Chicxulub nahe, dass die Dinosaurier nach diesem Einschlag noch 300 000 Jahre überlebt haben.

Die Forscher folgern in ihrem Beitrag für die aktuelle Internetausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences, dass später noch mindestens zwei weitere Meteoriten auf der Erde eingeschlagen sind.

Über das Ende der Dinosaurier spricht eine der Autorinnen, die in Princeton lehrende Schweizer Geologin Gerta Keller.

SZ: Viele Geologen glauben, dass vor 65 Millionen Jahren ein Riesenmeteor die Dinosaurier auslöschte. Halten Sie das für ein Ammenmärchen?

Keller: Zusammen mit Wolfgang Stinnesbeck von der Universität Karlsruhe und Thierry Adatte von der Universität Neuchâtel habe ich im vergangenen Jahr Proben eines Bohrkerns aus diesem Krater analysiert.

Über dem Einschlaggestein haben wir Meeressedimente voller versteinerter planktonähnlicher Einzeller gefunden, die sich über einen Zeitraum von 300 000 Jahren abgelagert haben. Diese Einzeller sind aber mit den Dinosauriern ausgestorben. Das heißt, der Meteoriteneinschlag in Yukatan kann nicht das Ende der Dinosaurier markieren - er traf die Erde weit früher.

SZ: Einer Ihrer Kritiker, der niederländische Geologe Jan Smit, hält dieses Gestein für die Folge einer Riesenwelle, eines Tsunamis, der nach dem Einschlag über den Krater hinwegspülte.

Keller: Dafür gibt es keinen triftigen Hinweis. Wir konnten an den Proben zeigen, dass viele Tierchen in diesen Sedimenten lebten. Das wäre unmöglich, wenn sie sich dieses Material innerhalb weniger Stunden oder Tage chaotisch angehäuft hätte. Außerdem finden sich dort dünne Sichten von Glauconit, einem Mineral, das sich nur über tausende Jahre hinweg ablagert.

SZ: Mit ihren Thesen haben Sie sich nicht nur Freunde gemacht. Manche ihrer Kollegen behaupten nun, Sie würden sich mit Hilfe der Presse bekannt machen wollen.

Keller: Das ist völliger Humbug. Die Presse schreibt ständig über jene Forscher, die Chicxulub für den Killer der Dinosaurier halten. Nachdem wir unsere Beweise kürzlich veröffentlicht haben, berichten die Medien jetzt auch über uns.

Außerdem gab es von November bis Januar eine von der Geological Society of London organisierte Debatte im Internet, zu der alle Experten eingeladen waren.

Smit und ich stellten unsere Thesen vor. Während viele Kollegen meinen Analysen beipflichteten und sie ergänzten, kam Smit so gut wie niemand zu Hilfe. Im Schlusswort redete sich Smit darauf hinaus, geologische Daten seien schwierig zu interpretieren. Dabei liegen Befunde wie die zu den Einzellerfossilien vor, an denen es wenig zu deuteln gibt.

SZ: Wie erklären sie sich die Feindseligkeit in der Debatte?

Keller: Jan Smit und ich haben eigentlich zivilisiert diskutiert. Der vorherrschende polemische Ton erklärt sich ganz einfach: Wissenschaftler, die ihre Karriere auf der Theorie aufgebaut haben, Dinosaurier seien mit einem Schlag ausgelöscht worden, werden unsere Daten kaum begrüßen. Es schmerzt eben, nach all den Jahren Irrtümer öffentlich einzugestehen.

SZ: Woran starben die Dinosaurier, wenn nicht durch einen Asteroiden?

Keller: Ich sage nicht, dass Meteoriten keine Rolle spielten. Es ist unzweifelhaft, dass vor 65 Millionen Jahren, als die Dinosaurier verschwanden, ein Meteor auf die Erde krachte, dessen Krater bislang nicht gefunden ist.

Davor gab es zudem den Einschlag in Chicxulub. Die Vielzahl der Arten ging jedoch bereits 500 000 Jahre vor dem großen Artensterben zurück. Wir wissen, dass während dieser Zeit Vulkane in Indien ordentlich Treibhausgase in die Atmosphäre pusteten.

Man erkennt dies heute noch am so genannten Dekkan-Basalt. Diese Treibhausgase stressten das Ökosystem. Meteore waren nur die letzten Tropfen; allein hätten sie die Klimakatastrophe wohl nicht bewirken können.

SZ: Der Geophysiker Jason Morgan von Geomar in Kiel meint, der Vulkanismus war gewaltig genug, um das Massensterben auszulösen.

Keller: Das ist eine interessante These. Nur gibt es dafür kaum überzeugende Belege.

Allerdings konnte ich im vergangenen Jahr an der Ninety-East-Bruchzone im Indischen Ozean erstmals nachweisen, dass der Dekkan-Vulkanismus auf planktonähnliche Einzeller ähnlich katastrophale Auswirkungen hatte wie die, die wir während der Phase des Massenaussterbens beobachten.

SZ: Eine alte These behauptet, nach dem Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren hätte eine Feuerwalze um die Erde das meiste Leben ausgelöscht.

Keller: Diese Theorie ist ein Mythos. 40 Prozent aller Arten haben den Asteroideneinschlag überlebt - mit weltweiten Bränden wäre das kaum vorstellbar.

Zudem finden sich, wie eine neue Studie von Claire Belcher zeigt, aus dieser Epoche kaum Spuren von Holzkohle in den Gesteinen.

Der gelegentliche Ruß in Sedimenten lässt sich durch gewöhnliche Waldbrände erklären. Das alte Feuerwalzen-Szenario unterschätzt die drastischen Folgen des Klimawandels.