bedeckt München

Zehn Jahre nach sogenanntem Ehrenmord:Noch immer ungesühnt

Prozess um 'Ehrenmord' an junger Deutsch-Türkin

Im Gerichtssaal, 2005: Mütlü, Alpaslan und Ayhan Sürücü (v.l.).

(Foto: Constanze Schargan/dpa)
  • Im Jahr 2005 wird die damals 23-jährige Hatun Sürücü auf offener Straße ermordet.
  • Zehn Jahre nach dem sogenannten Ehrenmord finden Gedenkveranstaltungen statt.
  • Der einzige je verurteilte Täter ist inzwischen wieder frei. Die älteren Brüder des Opfers sind immer noch auf freiem Fuß.
  • Die Türkei will nun den Fall überprüfen.

Von Verena Mayer

Eine Tafel erinnert an sie: an Hatun Sürücü, die junge Frau, die als Elektroinstallateurin arbeiten, ein Kind großziehen und selbstbestimmt leben wollte. Die Tafel befindet sich im Berliner Stadtteil Tempelhof, in der Nähe der Bushaltestelle, an der Hatun Sürücüs Leben am 7. Februar 2005 endete.

Sie wurde auf offener Straße ermordet, von ihrem kleinen Bruder. Er schoss ihr dreimal in den Kopf. "Weil sie sich Zwang und Unterdrückung ihrer Familie nicht unterwarf", so steht es auf dieser Gedenktafel, die man hier angebracht hat. Hatun Sürücü wurde 23 Jahre alt.

Zehn Jahre ist es her, dass Hatun Sürücüs Tod als sogenannter Ehrenmord über Deutschland hinaus Schlagzeilen machte. Wie in den Jahren zuvor werden in den kommenden Tagen Gedenkveranstaltungen stattfinden, Blumen an der Tafel niedergelegt werden, als Rednerin hat sich unter anderem Dilek Kolat, die Senatorin für Integration, angekündigt. Und 2016 soll eine Brücke nach Hatun Sürücü benannt werden, ihr Schicksal bewegt Berlin bis heute.

Freigesprochen aus Mangel an Beweisen

Doch ein Jahrzehnt nach den Schüssen an der Bushaltestelle ist die Tat noch immer nicht gesühnt. Zwei mutmaßliche Täter sind nach wie vor auf freiem Fuß: die beiden älteren Brüder Mutlu und Alpaslan, wie Hatun in Berlin geboren und aufgewachsen, ihre Eltern waren in den Siebzigerjahren aus Ostanatolien nach Deutschland gekommen.

Die beiden jungen Männer sollen gemeinsam mit Ayhan Sürücü, dem damals 18-jährigen Bruder, den Mord geplant haben, weil ihnen Hatuns Lebensstil missfiel. Hatun Sürücü widersetzte sich der strenggläubigen Familie, die sie mit 16 in der Türkei mit einem Cousin verheiratet hatte. Sie kehrte mit ihrem kleinen Sohn zurück nach Berlin, machte eine Lehre zur Elektroinstallateurin und hatte einen deutschen Freund.

Wer genau hinter dem Mord steckt, ist bis heute unklar. Ob die Familie die Tat absegnete oder gar ein radikaler Imam dahinterstand. Zwischen den Brüdern gingen vor der Tat jedenfalls eindeutige SMS hin und her. Die Freundin Ayhans, die mit den dreien nach dem Mord in der U-Bahn saß, erzählte später, die Brüder seien wie im Rausch gewesen, und einer habe zu Ayhan gesagt: "Ich habe dir doch gesagt, schieß nur einmal auf den Kopf."

Doch in dem langen Prozess erhielt 2006 nur Ayhan Sürücü eine Jugendstrafe, seine angeklagten Brüder wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Freisprüche wurden vom Bundesgerichtshof aufgehoben, der Fall muss noch einmal verhandelt werden. Doch Alpaslan und Mutlu Sürücü setzten sich in die Türkei ab, wo sie bis heute sind.

"Besessen" davon, seine Schwester zu töten

Und auch Ayhan Sürücü, der einzige der Brüder, der in Haft war, ist seit einigen Monaten frei. Er wurde im Sommer aus dem Gefängnis entlassen und in die Türkei abgeschoben. Dort arbeitet er jetzt wohl in einem Imbiss und hat wieder mit seinen Brüdern Kontakt. Reue gezeigt hat er bis heute nicht.

Zwei RBB-Journalisten, die den Fall in dem Film "Verlorene Ehre - Der Irrweg der Familie Sürücü" rekonstruierten, erzählte Ayhan, er sei "regelrecht besessen" gewesen, seine Schwester zu töten. So sehr, dass er die junge Frau nachts von ihrem schlafenden kleinen Sohn weglockte, zu jener Bushaltestelle in Tempelhof. Der Junge lebt jetzt in einer Pflegefamilie.

Immerhin kam vor einiger Zeit Bewegung in den Fall. Und zwar durch ein anderes Verbrechen in Berlin, den gewaltsamen Tod des Jugendlichen Johnny K. auf dem Alexanderplatz. Gegen einen Täter, der sich in die Türkei abgesetzt hatte, begann die türkische Justiz 2013 zu ermitteln, worauf sich dieser in Deutschland stellte.

Im Nachgang hätten die türkischen Behörden auch die Akte Sürücü aus Deutschland angefordert, für eigene Ermittlungen, wie es in der Berliner Senatsverwaltung für Justiz heißt. Die Akte sei nach Ankara geschickt worden, wo jetzt die Hauptstaatsanwaltschaft am Zug ist.

© SZ vom 05.02.2015/frdu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite