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Zecken:Krönchen der Schöpfung

25.05.2019, Berlin, GER - Vollgesogene Zecke auf einem Blatt. (aussen, Aussenaufnahme, Berlin, Blutsauger, Borreliose, c

Dem Gemeinen Holzbock, der hier an Grashalmen und im Gestrüpp wartet, schmeckt so ziemlich alles.

(Foto: Frank Sorge/imago images)

Zecken haben ein mieses Image, dabei bestechen sie durch fantastische Fähigkeiten. Eine Würdigung.

Von Oliver Das Gupta

Die Zecke krabbelt, Beine hoch, bohrt sich an unmöglichen Stellen in die Haut und säuft Blut. Wenn das Tierchen bei einer früheren Mahlzeit von einem infizierten Wirt getrunken hat, lässt es ein paar supergefährliche Krankheitserreger da. Wenn man die Zecke entfernt, entzündet sich oft die Einstichstelle. Wenn man sie fertig trinken lässt, ist das Vieh ekelhaft prall und die Einstichstelle entzündet sich meist trotzdem. Aus menschlicher Perspektive ist die Zecke also ziemlich fies, der Albtraum für geneigte Hypochonder.

Alles richtig, aber eben nur eine Seite. Aus evolutionärer Sicht sind Zecken Stars, Krönchen der Schöpfung, geradezu perfekte Parasiten mit fantastischen Fähigkeiten. Entwickelt haben sie sich schon in grauer Vorzeit. Als Saurier die Erde bevölkerten, krabbelten sie auf den Dinos herum und erledigten das, was Zecken nun mal so tun. Für T-Rex, Triceratops & Co. endete das Dasein bekanntlich jäh. Die kleinen Krabbler aber überstanden Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche und Kälteperioden. Neue Tierarten bildeten sich heraus, manche gingen wieder ein, irgendwann kam der Mensch.

Der Zecke war das offenkundig wurscht, sie stach und trank, was es zu stechen und zu trinken gab, und blieb einfach so wie sie war. Läuft doch, wird sich die Zecke gedacht haben, never change a running system. Seit mindestens 100 Millionen Jahren ist sie optimal entwickelt. "Die Morphologie hat sich kaum verändert", sagt Lidia Chitimia-Dobler. Die Forscherin vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr besitzt eine Sammlung von zwei Dutzend in Bernstein eingeschlossenen Urzeit-Zecken.

Hyalomma-Zecke unter einem Mikroskop

Die Hyalomma-Zecke ist größer als die einheimischen Arten und hat Streifen auf den Beinen.

(Foto: Marco Drehmann/dpa)

Heute sind etwa 900 Zeckenarten bekannt, sie leben fast überall dort, wo genießbare Kundschaft vorbeikommt. In Afrika gibt es die größten Exemplare, sie können - eine Zecke kommt selten allein - Tiere schon mal blutleer machen. In Australien leben die giftigsten Typen, sie sind so toxisch, dass sie mitunter Kühe töten. Zecken ernähren sich auch vom Blut der Zugvögel und, wie praktisch, lassen sich bei der Gelegenheit in fremde Gefilde befördern. Auf diese Weise reiste wohl auch die tropische Hyalomma-Art nach Deutschland ein (deutlich größer als die einheimischen Arten, mit schicken Streifen auf den Beinen und teils mit allerlei exotischen Viren und Bakterien bestückt).

Zecken können bis zu zwei Wochen unter Wasser überleben

Es gibt spezialisierte Zecken, die nur auf bestimmte Wirtstiere lauern. Und es gibt die anderen Arten, die nehmen, was kommt. Dem Gemeinen Holzbock, der hier an Grashalmen und im Gestrüpp wartet, schmeckt so ziemlich alles: Hunde und Rehe, Menschen und Eidechsen. Insgesamt hat er etwa 200 Wirtsorganismen, sagt Ute Mackenstedt, Parasitologie-Professorin an der Uni Hohenheim. Dabei ist der Holzbock blind. Er nimmt nahende Beute nur mittels seines vorderen Beinpaares wahr - jawohl, Beinpaar! Dort sitzen die Haller'schen Organe: Sensoren, mit denen die Zecken auf bis zu zehn Meter wahrnehmen, was da atmet und schwitzt und beim Gehen den Boden erschüttert. Andere Arten, sogenannte Jagdzecken, haben sehr wohl Augen, mit denen sie die Essensspender lokalisieren und auf sie zusteuern können.

Zecke Gemeiner Holzbock Ixodes ricinus Mundwerkzeuge der Zecke Fluoreszenz Kontrast Vergroesse

Die Mundwerkzeuge eines Holzbocks. Sehen kann diese Zecke nicht, sie ist blind.

(Foto: F. Fox/imago/blickwinkel)

Bis zu einer günstigen Gelegenheit kann es freilich dauern, was für die geduldsamen Biester aber okay ist. Mitunter zwei Jahre können adulte Zecken unter Laborbedingungen ohne Mahlzeit zubringen. Für jedes Klima scheint es eine eigene Art zu geben. Die Taiga-Zecke etwa schreckt zentralasiatische Kälte nicht ab. "Minus 20 bis minus 30 Grad packen die schon", sagt Mackenstedt. Den menschengemachten Klimawandel finden Zecken prima. Das Getier ist nördlich der Alpen inzwischen auch in den Wintermonaten aktiv, ab vier bis sieben Grad wird der Holzbock munter. In Deutschland gibt es kaum mehr eine Region, die für Zecken zu hoch gelegen wäre, in Extremfällen klappt es sogar bis zu 2000 Höhenmetern. Die Zugspitze ist also noch unerreicht, aber man muss ja auch noch Ziele haben.

Fürchten muss die Zecke kaum etwas. Gut, in Afrika enden vollgesaugte Großexemplare mitunter in Vogelmägen. Es gibt einen feindlich gesinnten Pilz, auch Spulwürmer. Und diese kleine Erzwespe, deren Larven Zecken von innen verspeisen. Gut für die Zecke, schlecht für Menschen: Es klappt nicht so wirklich, das fliegende Insekt zu züchten. Gifte wie das Schädlingsbekämpfungsmittel Bti beeindrucken Zecken nicht. Und so bleiben die achtbeinigen Blutsauger (im ersten Entwicklungsstadium haben Zecken nur sechs Beine, die beiden anderen wachsen erst später), weitgehend unbehelligt.

Menschen müssen sich deshalb nach Ausflügen im Grünen absuchen - so viel anders haben das Neandertaler auch nicht gemacht. Und wenn man eine Zecke findet, sollte man sie besser nicht im Waschbecken oder im Klo runterspülen. Es könnte ein Wiedersehen geben: Zecken können mitunter bis zu zwei Wochen unter Wasser überleben.

© SZ/afis
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