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Wortschatz:Pappnwindel dabei?

Wörter wie Spuckschutzscheibe oder Lockdown sind längst Teil unserer Sprache. Nun hat die Pandemie auch die Mundart erreicht.

Von Martin Zips

Viren können auch die Sprache befallen. Mit sehr interessanten Ergebnissen. Der "Haderlump" zum Beispiel bezeichnete im Mittelalter jene Fetzen, in die zuvor hochinfektiöse Pesttote eingewickelt waren und die man deshalb nur noch als Beigabe für die Papierherstellung verwenden konnte. Und wer einst "Fisimatenten" machte, sich also in das Zelt eines französischen Soldaten begab (der Soldat hatte zuvor "Visitez ma tente!" gerufen: "Besuchen Sie mein Zelt"), dem drohte vielleicht auch eine böse Infektion.

1300 neue Virus-Wörter will das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache seit Beginn der Corona-Pandemie gezählt haben: "Knuffelkontakt", "Mutante", "Covidioten", meist solche Sachen. Doch es geht noch wesentlich origineller, wie etwa Österreich beweist. Für den Mund-Nasen-Schutz ist dort der Neologismus "Pappnwindel" im Gebrauch. Ebenso "Ausgehvuahangl" (Ausgehvorhang), "Goschnfetzen" (Mundtuch) oder "Anschoberschürtzn" (benannt nach dem österreichischen Gesundheitsminister Rudolf Anschober). Darf man hier von "Verballhornung" sprechen? Dieser Begriff geht übrigens zurück auf einen Lübecker Buchdrucker namens Balhorn, der im 16. Jahrhundert ein Rechtsbuch durch eigene Anmerkungen verschlimmbessert haben soll.

Aber auch der süddeutsche Raum beherrscht die Krisensprache. Während im Schwäbischen die Maske zumeist als "Maultäschle" bezeichnet wird, soll sich im Fränkischen der Ausdruck "Söderlabbn" durchgesetzt haben, was natürlich deutlich origineller ist als der norddeutsche "Snuutenpulli" oder das sächsische "Guschenduch".

Vor allem das Rheinland aber glänzt mit einer wahren Fülle großartigster Sprachkreationen. Erwähnt seien hier etwa die "Schnüsstüüt" (Schnauztüte), das "Jesichtsschlüppi" (Gesichtsunterhose) sowie das "Bützjekondom" (Kuss-Präservativ). Hier merkt man auch die mentale Nähe zu den Niederlanden, wo das Nationale Institut für öffentliche Gesundheit die Bürger jüngst zu einer Beschränkung ihrer persönlichen Kontakte auf nur noch wenige "Knuffelmaatjes" und "Seksbuddys" aufgefordert hat.

Die meisten Neologismen dürften bald wieder verschwunden sein

In der Schweiz hingegen, wo die Maske laut Auskunft des Züricher Sprachforschers Hans Bickel einfach "Maske" heißt, schwingt hörbar etwas Angst mit, wenn auf Schwyzerdütsch vor dem "Naseblüttler" gewarnt wird. "Blutt" steht für: nackt. Und eine öffentlich entblößte Nase möchte sich dieser Tage wirklich niemand leisten.

Folgt man allerdings Manfred Glauninger, Soziolinguist an der Universität Wien und der österreichischen Akademie der Wissenschaften, so dürften die meisten Neologismen - bis auf wenige Ausnahmen - bald wieder verschwunden sein. Am Ende einer Katastrophe stehe nämlich immer auch ein sprachlicher Neuanfang, so meint Glauninger. Im englischsprachigen Raum dürfte es dann kaum noch jemanden geben, der weiß, was einmal die "Locktail Hour" war oder der für psychische Auf- und Abs verantwortliche "Coronacoaster". Auch in Frankreich dürfte man hoffentlich bald wieder vergessen haben, was es mal hieß, ein bisschen "mélancovid" zu sein. Und auch die Schweizer "Spuräsuech-äb" auf dem Handy braucht dann sicher niemand mehr.

© SZ
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