Jagd Invasion der Wolfs­beschützer

Wolf mit Schafsblick: Mittlerweile ist nicht das Raubtier das Problem - sondern seine Beschützer. Sagen die Jäger.

(Foto: dpa)

In Niedersachsen sollen Jäger einen zum Abschuss freigegebenen Wolf erledigen. Weil Tierfreunde sie immer wieder sabotieren, greift man in Sonnenborstel nun zu einer ungewöhnlichen Maßnahme.

Von Thomas Hahn

In Sonnenborstel wird Ostern dieses Jahr anders als sonst. Denn über die Gemarkung des Dorfes im niedersächsischen Landkreis Nienburg/Weser ist ein Verbot gekommen, das empfindlich in die kleinen Freuden der Freizeit eingreift. Die örtlichen Grundeigentümer haben am vergangenen Freitag verfügt, dass normale Besucher und Einheimische ab Mittwochnacht bis 23. April von 18 bis 8 Uhr nicht mehr in den Wald gehen dürfen. Das heißt: keine Waldspaziergänge am Abend, kein Joggen unter Bäumen in der Dämmerung, keine romantischen Treffen auf vollmondbeschienener Lichtung.

"Das ist eine ganz massive Maßnahme, eine erhebliche Einschränkung", gibt Tobias Göckeritz zu, örtlicher Landwirt und Vorsitzender des Landvolks Mittelweser. Er steht trotzdem zu der Entscheidung. Sie soll die Jäger vor militanten Wolfsschützern schützen, deren Sabotage-Akte zuletzt derart wirksam waren, dass die Jäger ihre Pflichten bei der Wildschweinjagd nicht erledigen konnten. Göckeritz sagt sogar: "Das ist das letzte friedliche Mittel." Das Verbot von Sonnenborstel zeigt, wie verfahren der Streit um die Wölfe in Deutschland mittlerweile ist. Im Landkreis Nienburg beklagen Landwirte schon lange, dass sich ein Rüde an ihren Tieren vergreift. Rinder-, Pony- und Schafsrisse werden ihm zugerechnet.

Eine hochoffizielle Abschussgenehmigung des Umweltministeriums für den Leitwolf des sogenannten Rodewalder Rudels liegt vor. Schon zwei Mal ist sie um je einen Monat verlängert worden, weil es eben nicht so leicht ist, ein einzelnes Tier in den Weiten der niedersächsischen Kulturlandschaft zu stellen. Erst recht nicht, seit Umweltaktivisten sich einbringen. "Wir haben über die sozialen Netzwerke einen regelrechten Aufruf zu Jagdstörertourismus", sagt Göckeritz. Zuletzt sei es immer wieder vorgekommen, dass Gruppen nachts durch den Wald zogen und absichtlich das Wild aufschreckten. Die Folge: Es sanken nicht nur die ohnehin schon geringen Chancen auf eine erfolgreiche Wolfsjagd. Auch die Wildschweine waren gewarnt, ehe sie fortfuhren mit ihrer zerstörerischen Futtersuche auf Äckern und Wiesen.

Weniger erlegte Wildschweine

Alle Grundeigentümer von Wald und Flur haben das Jagdrecht, das sie an Menschen mit Jagdschein verpachten, damit diese den Wildbestand auf ein verträgliches Maß stutzen. Gerade die Wildschweine vermehren sich eifrig und richten Schäden auf bewirtschafteten Flächen an. Wildschweinjagd ist demnach nicht nur ein Waidmannvergnügen, sondern eine Pflicht. Durch die Invasion der Wolfsbeschützer sei die nicht zu erfüllen, sagen die Jäger von Sonnenborstel. "Die Jagdstrecke ist rückläufig", sagt Göckeritz und erklärt, was er damit meint: "Es kommen weniger Tiere zur Strecke. Die Jäger erlegen weniger Wildtiere." Das Ergebnis kann er auf seinem eigenen Land betrachten.

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Vor der jüngsten Vollmondphase hatten die Bauern-Vertreter beim Landkreis Nienburg beantragt, die Politik möge für Ruhe sorgen. "Das konnte der Landkreis nicht", sagt Göckeritz. Jetzt zieht der nächste Vollmond auf und die Jagdgenossenschaft hilft sich selbst nach Paragraph 31 des Niedersächsischen Waldgesetzes. Wegen der Störungen müsse man die Jagd intensivieren, heißt es in der Begründung. "Zum Schutz von Spaziergängern ist es daher erforderlich, die Betretung des Revieres in dieser Zeit zu untersagen." Den Konflikt um den ausgewiesenen Problemwolf wird das sicher nicht befrieden. Naturschützer finden die Abschussgenehmigung falsch. Nicht alle Voraussetzungen dafür seien erfüllt, sagen sie und werben für nachhaltigen Herdenschutz.

Das Thema ist emotional besetzt. Die Landwirte fürchten die Übergriffe des Wolfs. Andere freuen sich, dass der Wolf zurückgekehrt ist in sein früheres Stammgebiet. Knut Hallmann (SPD), Bürgermeister der Samtgemeinde Steimbke, zu der auch Sonnenborstel gehört, fühlt sich wie eingekesselt zwischen den Positionen. "Da zu moderieren, ist eine große Herausforderung." Er fürchtet, dass die jeweiligen Lobbygruppen wahres Risiko und übertriebene Angst durcheinanderbringen. Zum Betretungsverbot kann er im Grunde gar nichts sagen. Das ist Sache der Jagdgenossenschaft in Sonnenborstel.

Mit Schildern wird sie auf das Verbot hinweisen. Die Lokalzeitung hat berichtet. Wer gegen das Verbot verstoßen will, riskiert eine Anzeige. "Alle wissen es", sagt Tobias Göckeritz. Auch die Aktivisten, wie man dem Internet entnehmen könne, den "asozialen Medien", wie Göckeritz die digitalen Kanäle manchmal nennt. Dass in den nächsten Vollmondnächten eine ruhige Jagd bevorsteht, kann er allenfalls hoffen. "Leider gibt es bereits Aufrufe im Netz, dieses Verbot zu missachten."

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