Neuregelung nach Angriffen:"Es ist eine latente Bedrohung"

Carl-Wilhelm Kuhlmann ist 365 Tage im Jahr mit seinen Tieren draußen - einer Heidschnuckenherde in der Lüneburger Heide mit aktuell etwa 750 Schafen. Gut zehn bis zwölf Kilometer legt die Heide täglich zurück, anders sei die Naturlandschaft der Heide gar nicht zu erhalten, sagt Kuhlmann. Man dürfte dem Wolf nicht erlauben, sich unbegrenzt zu vermehren, das ist sein Argument für den Abschuss.

SZ: Wie bewerten Sie die Neuregleung des Umweltministeriums?

Carl-Wilhelm Kuhlmann: Ich begrüße die Neuregelung ganz ausdrücklich. Wir betreiben offene Hütehaltung, ohne Zäune oder Pferche. Und wir brauchen den Rückhalt der Gesellschaft, damit die Bejagung des Wolfes auch Gesetz wird - und man das dann auch praktisch umsetzen kann.

Lüneburger Heide

Heidschnukenherden werden in der Lüneburger Heide für die Landschaftspflege gebraucht.

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Wie oft ist Ihre Herde von Wölfen attackiert worden?

Fünf Mal haben wir das erlebt, während Menschen dabei waren. Dreimal konnte der Wolf zurückgetrieben werden, vor allem durch lautes Schreien, aber wir mussten bis auf fünf Meter an das Tier heran. Es hatte versucht, erwachsene Schafe zu reißen, sie konnten gerettet werden. Inzwischen aber hat der Wolf seine Strategie geändert und holt sich kleine Tiere, die er gleich mitnehmen kann. Das ist im August zweimal passiert, so leise, dass die Herde es gar nicht mitbekommen hat. Wir haben den Wolf erst gesehen, als er sich mit dem Lamm davonmachte. Es sind eben kluge Jäger.

Wie schätzen Sie und die anderen Schafzüchter in Ihrer Region die Gefahr durch den Wolf ein?

Natürlich gibt es nicht jeden Tag Wolfsattacken. Seit den Vorfällen im August ist nichts mehr passiert. Aber es ist eine latente Bedrohung. Viele meiner Kollegen sagen mir, dass die ganze Romantik des Berufs verloren geht, weil man rund um die Uhr aufpassen muss, dass nichts passiert. Bei uns in der Gegend gibt es sechs Wolfsrudel. Das Ganze ist hochemotional: Wir Schäfer haben eine Art Deal mit unseren Tieren.

Was für einen Deal?

Die Schafe lassen es zu, dass wir ihre Wolle nehmen, ihre Milch, dass wir manche auch schlachten dürfen. Dafür aber haben wir sie zu beschützen. Diesen Schutz können viele von uns aber nicht mehr gewährleisten. Wir können nicht immer höhere Zäune bauen und immer mehr Hunde einsetzen. Die Zahl der Schafzuchtbetriebe und die Zahl der Tiere geht bereits zurück.

Aber Tierschützer argumentieren, dass durch die Abschüsse die Population einer Tierart dezimiert wird, die in unseren Wäldern wieder heimisch geworden ist nachdem sie lange bedroht war.

Abschüsse bedeuten ja nicht, dass es dann keine Wölfe mehr geben wird. Wir wissen durch den Austausch mit Schäfern aus Ländern, in denen der Wolf bejagt wird, etwa Finnland, Schweden oder Portugal, dass die Tiere dann heimlicher agieren. Sie lernen und ziehen sich zurück.

Muss man nicht akzeptieren, dass der Wolf ein Jagdtier ist und dass eben diesen Jagdtier zu Deutschland gehört?

Es ist klar, dass der Wolf nicht anders kann, als Wolf zu sein - ein Oberjäger, dem wir meiner Meinung aber nach nicht länger erlauben können, sich in einer hundertprozentigen Kulturlandschaft wie unserer unbegrenzt zu vermehren. Der Wolfbestand nimmt jetzt schon jährlich um 30 Prozent zu. Das gestatten wir keinem anderen Tier - und wir sollten nicht warten, bis es einen "Fall Rotkäppchen" gibt, denn der wird irgendwann kommen. Und was dann los sein wird, kann man sich ausmalen.

© SZ vom 21.12.2019/olkl
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