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Flächenfraß:In Deutschland wohnt fast niemand "entlegen"

Wohnungsbau

Haus an Haus an Haus: Bilder wie dieses aus Hannover sind keine Seltenheit in der Bundesrepublik. Wirklich ab vom Schuss wohnt nach einer Studie kaum jemand.

(Foto: dpa)

Ein einsames Häuschen? Gibt's hierzulande gar nicht. Laut einer neuen Studie ist kein Standort in Deutschland weiter als 6,3 Kilometer vom nächsten Haus entfernt.

Die kleine Siedlung Siorapaluk im Norden Grönlands liegt, nach menschlichem Ermessen, ziemlich weitab vom Schuss: keine Straßen, ein paar farbige Holzhütten, weniger als 60 Einwohner, ringsum Eis, Berge, Meer und Niemandsland. Ein Frachtschiff bringt zweimal im Jahr Produkte vorbei. Alle paar Wochen knattert auch mal ein Hubschrauber hin. Das war's mit dem Kontakt zur Außenwelt.

Was das mit Deutschland zu tun hat? Nun, vielleicht taugt Siorapaluk als eine Art Gegenentwurf zum Leben in Deutschland. Denn wie eine neue Studie zeigt, die im Fachmagazin Landscape and Urban Planning erscheint, kann man das Wörtchen "entlegen" eigentlich aus dem deutschen Wörterbuch der Alltagssprache streichen. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) haben herausgefunden, dass kein Standort in Deutschland weiter als 6,3 Kilometer vom nächsten Haus entfernt ist. Für 99 Prozent aller Gebäude in Deutschland gilt sogar: Das nächste Haus liegt nicht weiter entfernt als 1,5 Kilometer Luftlinie. Ganz schön eng.

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Die Studie soll deshalb auch eine Warnung sein und auf einen Zustand verweisen, den die Forscher kritisch bewerten. "Unsere Ergebnisse machen deutlich, wie dringlich es ist, in Deutschland mehr für den Flächenschutz und auch für die Entsiegelung von Böden zu unternehmen", sagt Martin Behnisch vom IÖR, der Leitautor der Studie. Das Resultat zeige: Deutschland ist doch stärker überbaut als erwartet.

Die abgelegensten Orte sind Truppenübungsplätze

Laut Umweltbundesamt hat sich die für Siedlungen und Verkehr genutzte Fläche in Deutschland während der vergangenen 60 Jahre mehr als verdoppelt. 2014 wurden täglich 69 Hektar neu bebaut, also eine Fläche von fast 100 Fußballfeldern. Meist gehen dabei fruchtbare Böden verloren. Im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie hat sich die Bundesregierung vorgenommen, die Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungen und Verkehr bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu verringern. Von einer Trendwende aber, finden die Autoren der Studie, sei Deutschland trotzdem noch weit entfernt. Also in etwa so wie Siorapaluk von der Außenwelt.

Die Forscher schlagen vor, noch viel mehr auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu achten und verstärkt neue Konzepte des Wohnens zu erwägen. "Das wäre sinnvoller, als immer weiter krebsartige Geschwüre von Einfamilienhaus-Gebieten in die Landschaft zu platzieren", sagt Behnisch.

Für die Studie griffen die Wissenschaftler auf Daten des Bundesamts für Kartographie und Geodäsie zurück, sie berücksichtigten bei ihren Berechnungen alle Gebäude mit einem Grundriss größer als zehn Quadratmeter, darunter nicht nur Wohnhäuser, sondern etwa auch Fabrikgebäude. Das größte gebäudefreie Gebiet in Deutschland misst nur 12,6 Kilometer im Durchmesser, es handelt sich um den Truppenübungsplatz Bergen im Süden der Lüneburger Heide. Die Forscher hatten eigentlich damit gerechnet, dass sich die größten Freiflächen in Naturschutzgebieten befinden.

Die fünf abgelegensten Orte in Deutschland aber sind allesamt Truppenübungsplätze: Auf Bergen (6,3 Kilometer bis zum nächsten Gebäude) folgen Baumholder in Rheinland-Pfalz (4850 Meter), Hohenfels in der Oberpfalz (4250 Meter), Oberlausitz im Nordosten von Sachsen (4170 Meter) sowie der ehemalige Truppenübungsplatz Kyritz-Ruppiner Heide in Brandenburg (4440 Meter), von dem heute immerhin Teile als Naturschutzgebiet ausgewiesen sind. Das abgeschiedenste Wohnhaus steht wohl in Nordfriesland, Abstand zum nächsten Nachbarn: etwas mehr als drei Kilometer.

Die Zahl entlegener Orte aber hält sich stark in Grenzen hierzulande. Die meisten größeren Flächen ohne Bebauung weist da noch der Nordosten Deutschlands auf. Aber was heißt das schon? In den Augen der Bewohner von Siorapaluk herrschen auch dort wohl eher klaustrophobische Zustände.

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