Süddeutsche Zeitung

Urlaub nach der Geburt:"Zwei Wochen sind schon mal ein guter Start"

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Künftig soll Vätern nach der Geburt eines Kindes zwei Wochen bezahlter Urlaub zustehen. Die Berliner Hebamme Katharina Kerlen-Petri erklärt, warum es eine "neue Wochenbettkultur" braucht.

Interview von Violetta Simon

Nach der Geburt des Babys gleich wieder zurück in den Job - für viele Väter war das bisher Normalität, wenn sie nicht genügend Urlaub übrig hatten. Das soll sich nun ändern: Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen plant, dass ein Elternteil - in der Regel der Vater - nach der Geburt eines Kindes zusätzlich zwei Wochen bezahlten Urlaub nehmen kann. Katharina Kerlen-Petri arbeitet seit 32 Jahren als freiberufliche Hebamme in Berlin - und sie begrüßt die Entscheidung.

SZ: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Plan hörten, frischgebackenen Vätern Urlaub zu geben?

Katharina Kerlen-Petri: Große Freude! Ich finde es toll, wenn die Partner von Beginn an dabei sein können. Die wollen ja nicht nur den Haushalt wuppen, sondern ihr Neugeborenes kennenlernen. Da hilft es, wenn sich nicht nur einer nachts um das Baby kümmert, weil der andere früh raus muss. Wer nicht so flexibel Urlaub nehmen kann, dem erleichtert das vieles.

Spiegelt die Maßnahme die gesellschaftliche Entwicklung wider?

Ich finde, die Politik hat das ein wenig verschlafen. In einer Großstadt wie Berlin sind die Väter engagiert, viele haben sich ihren Urlaub bisher zusammengespart, manche nehmen gleich ihre Elternzeit, die fehlt dann später. Es wäre zeitgemäß, wenn in Sachen Geschlechtergerechtigkeit mehr passiert, etwa bei der Bezahlung. Viele Frauen kehren nicht oder nur teilweise zurück in den Job, weil es sich finanziell nicht lohnt. Da ist noch einiges zu tun.

Glauben Sie, dass die Gesetzgebung auch umgekehrt funktioniert, also eine solche Entwicklung beschleunigt?

Durchaus. Es macht einen Unterschied, ob eine Person als Vorreiter in einer Firma zwei Wochen aussetzt oder ob das vom Gesetzgeber so gedacht ist. Das ist wie bei der Elternzeit, das wird sich etablieren. Nach der Einführung des Elterngelds 2007 hat sich einiges verändert, viele beteiligen sich aktiver - wenn auch nicht immer so wie gedacht. Statt die zwei Monate für einen Urlaub zu nutzen, könnten die Väter den Alltag mit ihren Kindern gestalten, wenn die Mütter wieder arbeiten. Darin besteht der eigentliche Gewinn. Deshalb ist auch die Wochenbettzeit so wichtig.

Inwiefern?

Es ist die Phase, in der Eltern begreifen, welche Veränderungen das Baby für sie bedeutet. Männer können sich das oft weniger vorstellen, wenn ich mit ihnen zuvor darüber spreche. Das hat nichts damit zu tun, dass ich es ihnen nicht zutraue. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Mütter intuitiv wissen, was ein Kind braucht, und dass Vätern das erst beigebracht werden muss. Für beide gilt: Die Bedürfnisse eines Neugeborenen zu verstehen, braucht Zeit - zwei Wochen sind schon mal ein guter Start.

Was sollten Paare beachten, um diese Zeit sinnvoll zu nutzen?

Es ist wichtig, im Vorfeld die Erwartungen zu klären. Dieser bezahlte Urlaub bringt nichts, wenn sie im Bett liegt und das Gefühl hat, hier läuft nichts ohne mich. Und er sich kontrolliert fühlt. Man sollte dem anderen zugestehen, dass er die Dinge auf seine Art erledigt. Es muss genügen, dass am Ende des Tages gestaubsaugt, eingekauft und Wäsche gewaschen wurde. Sonst verzichten manche Väter am Ende noch freiwillig auf diese Chance - und das wäre schade.

Hat der Begriff Wochenbett in unserer Gesellschaft überhaupt noch eine Bedeutung?

Heute denken die meisten, das Wochenbett sei dazu da, Verwandten und Freunden das Baby zu präsentieren. Mütter empfangen Besuch und backen Kuchen, statt sich von der Geburt zu erholen. Ich hoffe, dass diese Maßnahme dazu beiträgt, eine neue Wochenbettkultur zu etablieren. Dass Eltern sich wieder trauen zu sagen: Wir verstehen, dass ihr das Baby sehen wollt. Aber jetzt brauchen wir erst einmal Zeit für uns.

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