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Winter:Singabrrrr

Diese Singapurerin ist mutig, sie geht ohne Anorak raus. Gefühlt ist es in dem Stadtstaat gerade saukalt.

(Foto: Wong Maye-E/AP)

Der Stadtstaat am Äquator schlottert vor Kälte, bei sibirischen 22 Grad - plus natürlich. Moment mal! Sind das nicht dieselben Leute, die sonst die Klimaanlage aufdrehen, als gäbe es kein Morgen?

Wer sich in Singapur noch vor die Tür wagt, muss sich wappnen. Schal, Mantel, Kapuze, sonst hält man es schwer aus. Die Bewohner können sich kaum erinnern, je einen solchen Kälteeinbruch erlebt zu haben. Die Temperaturen fallen und fallen, es sind schon 21 Grad.

Plus natürlich, der Stadtstaat liegt auf Meereshöhe am Äquator. Aber auch gefühlte sibirische Kälte kann schmerzen. "Dieser Winter ist brutal", klagt der Kellner im Casa Verde, einem Bistro im botanischen Garten. An Wochenenden brummt der Laden gewöhnlich, die Leute drängen sich auf der überdachten Terrasse. An diesem Samstag ist wenig Betrieb. Auch von den Leuten, die sich sonst in Tai Chi unter den Urwaldriesen üben, keine Spur. Was am kalten Regen liegt, der seit Tagen über die Inselmetropole peitscht. Die Zeitung Straits Times titelt: "Singabrrrr".

Echt jetzt? Nun ja, gefühlten Temperaturen nachzuspüren ist kompliziert, besonders in Singapur. Zumindest macht man als Mensch, der mit Frost und Schnee aufgewachsen ist, einige verwirrende Beobachtungen. Viele Singpurer reden jetzt davon, wie sehr es sie fröstelt. Moment mal. Sind das nicht dieselben, die sonst ihre Klimaanlagen aufdrehen, als gäbe es kein Morgen? Neulich im Kino: Eisschrank-Feeling. Man kennt das schon, hat Anorak und Schal eingepackt. So sitzt man und schlottert, gleichzeitig tragen viele Singapurer T-Shirt, Shorts, Flipflops. Wo Schwitzen bei 33 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit der Normalzustand ist, gönnt man sich eben gerne mal zwei Stunden Arktis im flauschigen Sessel. Künstlich erzeugte Kälte ist Zeichen von Wohlstand. In den Shopping-Malls gehört Temperatur zum Marketing, es gilt die unausgesprochene Botschaft: Je eisiger die Luft, umso cooler die Ware.

Aber wehe, das Wetter spielt verrückt. Diese Kälte kann man nicht selbst regeln, man ist ihr ausgeliefert. Der Monsun über dem Südchinesischen Meer ist schuld, er trägt kühle Luft an die Straße von Malakka. Besonders lästig ist, dass die Wäsche auf den Balkonen nicht mehr trocknet. Da freuen sich die Waschsalon-Besitzer, lange Schlangen vor den Trocknern. Auch um die Obdachlosen sorgt sich mancher: Freiwillige schwärmen aus, Decken verteilen.

Der singapurische Kälterekord wurde am 30. Januar 1934 gemessen: 19,4 Grad. Bis dahin ist es nicht mehr weit. So packen die Ärzte schon mal ihre Ratschläge aus: Wäsche wechseln, falls man nass geworden ist. Vitamin C einwerfen. Ausreichend schlafen. So könne man drohender Erkältung trotzen. Eine Stadt am Äquator zieht sich warm an.

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