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Zehn Jahre nach dem Amoklauf:"Er war emotionslos, ohne Worte, ohne Mimik"

Das Klassenzimmer 305, in dem alles begann, ist heute ein Gedenkraum. In ihm erinnert hinter weißen Gardinen an jedes Opfer ein weißes kniehohes Pult. Mit Namen, Foto und persönlichen Gegenständen. "Ich bin sehr dankbar, dass es ihn gibt", sagt Gisela Mayer, "es ist ein sehr, sehr ruhiger Raum."

Aufwühlend wird es am Abend in der Aula. Die Kriminologin Britta Bannenberg von der Uni Gießen referiert anlässlich des bevorstehenden Jahrestages über das Thema Amok. Nicht alle Eltern können und wollen das hören, aber einige sind da. Es ist sehr still, als Bannenberg den Betroffenen und Augenzeugen Trost zuspricht. "Machen Sie sich keine Vorwürfe, kein Mensch macht in solch einer Situation alles richtig." Dann berichtet sie detailliert vom Tatablauf. "Er war emotionslos, ohne Worte, ohne Mimik." Durch einen Zufall traf die Polizei schon dreieinhalb Minuten nach dem Notruf mit acht Streifenbeamten am Tatort ein. Sie warteten nicht auf ein Sondereinsatzkommando, sondern stürmten die Schule sofort. Damit retteten sie vielen Kindern das Leben; der Täter konnte seine 285 Patronen nicht verschießen, sondern musste fliehen.

Neue Identität für Täterfamilie

Britta Bannenberg spricht auch über den Täter. Der 17-Jährige war weder Schulversager noch Mobbingopfer. Ein Jahr zuvor hatte er an dieser Schule die mittlere Reife geschafft. Er war ein ruhiger, verschlossener Typ, der Probleme im Umgang mit anderen hatte. Deshalb fühlte er sich geschnitten. Aber es habe zuvor kein Mobbing gegeben, betont Bannenberg. Was überhaupt für die meisten Amokläufe gelte. Bannenberg spricht auch über den Vater des Täters. Er hatte die Tatwaffe im Haus unverschlossen herumliegen lassen und wurde deshalb wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Doch auch er ist Opfer. Er verlor nicht nur seinen Sohn, sondern sein gesamtes Leben; die Familie bekam eine neue Identität und zog an einen anderen Ort.

Auch in der 27 000-Einwohner-Stadt Winnenden war danach nichts mehr wie vorher. Jeder kennt jemanden, der zumindest indirekt betroffen ist. "Die Stadt hat ein ganz neues Selbstverständnis", sagt Gisela Mayer. Man ist enger zusammengerückt. Am Montag wird es wie an jedem 11. März eine Gedenkfeier geben. Mit Glockengeläut und Lichterkette. Im Stadtgarten befindet sich eine Gedenkstätte: ein Ring aus Stahl, der an einer Stelle gebrochen und nach oben verbogen ist. Als wolle er sich gegen Gewalt aufbäumen. Oder als warte er darauf, dass die Politik ihre Versprechen einlöst.

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