Plage in Brandenburg "Die Wildschweine haben die Macht im Ort übernommen"

Lass die Sau raus: In Brandenburg sind Wildschweine zu einer echten Plage geworden.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • In Dörfern in Brandenburg, meist rund um Berlin, sind Wildschweine eine Plage.
  • Wenn es nach dem Bürgermeister von Stahnsdorf ginge, sollte man drastische Maßnahmen ergreifen, um die Tiere unter Kontrolle zu bringen.
  • Er favorisiert den Abschuss - allerdings mit Pfeil und Bogen.
Von Titus Arnu

Wollte der Besucher einen Borstenschnitt? Schwer zu sagen, denn die Laufkundschaft, die vor ein paar Tagen in einen Friseurladen südlich von Berlin stürmte, war nicht in der Lage, genaue Wünsche zu artikulieren. Es handelte sich um eine Wildsau, die einen voll besetzten Friseursalon in Stahnsdorf betrat und Panik bei der Belegschaft auslöste. "Verletzt wurde niemand - außer dem Schwein", berichtete ein Augenzeuge in der öffentlichen Facebook-Gruppe "Teltow-Kleinmachnow-Stahnsdorf".

Das Facebook-Forum der Stadtrandgemeinden ist voll mit solchen Geschichten. Schwarzwild fühlt sich rund um Berlin offensichtlich sauwohl. Die Tiere rotten sich abends auf Plätzen zusammen, galoppieren zu Dutzenden über Hauptstraßen und lungern im Halbdunkeln auf Bürgersteigen herum. Was zum Teil lustig klingt, wird von den Anwohnern längst als ernstes Problem empfunden. Die Tiere durchwühlen Gärten und graben Sportplätze um. Einige Bürger fühlen sich bedroht und fordern Abwehrmaßnahmen gegen die Eindringlinge. Aber was tun? Der Stahnsdorfer SPD-Ortschef Heinrich Plückelmann sagte bei einer Podiumsdiskussion: "Die Wildschweine haben die Macht im Ort übernommen."

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Wenn es nach Bernd Albers ginge, dem Bürgermeister von Stahnsdorf, sollte man drastische Maßnahmen ergreifen, um die Biester unter Kontrolle zu bringen. Albers, dessen Garten ebenfalls umgewühlt wurde, hat vorgeschlagen, die Tiere mit Pfeil und Bogen zu jagen. Die Jagd mit Gewehren ist innerhalb von bewohnten Gebieten aus Sicherheitsgründen verboten. Der Haken: Auch die Jagd mit Pfeil und Bogen ist verboten, und zwar nicht nur in bewohnten Gebieten, sondern komplett, zumindest in Deutschland. Deshalb hat der Stahnsdorfer Bürgermeister sich nun an das Bundesministerium für Landwirtschaft gewandt und darum gebeten, das Bogenjagdverbot für sein Gemeindegebiet zeitweise aufzuheben.

Das hört sich für Laien erst mal komisch an. Dementsprechend albern waren auch die ersten Reaktionen auf den Vorschlag. Man könne die Schweine ja auch mit Tasern schocken oder wie Asterix und Obelix von Hand vermöbeln, war auf Facebook zu lesen. "Im urbanen Bereich ist die Jagd mit Pfeil und Bogen eine sinnvolle Alternative", sagt aber Jan Riedel, Vorsitzender des Deutschen Bogenjagd-Verbands.

Mit dem Gewehr ist die Jagd in bewohnten Gebieten zu gefährlich, durch Querschläger könnten Menschen gefährdet werden. "Eine Kugel kann mehrere Kilometer weit fliegen - die maximale Reichweite eines von einem modernen Jagdbogen verschossenen Pfeils beläuft sich auf etwa ein Zehntel davon", erklärt Riedel.

Moderne Carbon-Pfeile und -Bogen

Man muss sich das nicht so vorstellen, dass Leute mit selbstgeschnitztem Flitzebogen auf Wildsaujagd gehen, die Erfolgschancen wären wohl gering. Zum Einsatz kommen könnten moderne Compound-Jagdbogen aus Aluminium und Carbon sowie spezielle Jagdpfeile aus Carbon mit entsprechenden Spitzen. Damit könne man durchaus Wildschweine erlegen, sagt Experte Riedel. Der Mann muss es wissen, er hat selbst einige Hundert Tiere im Ausland mit Pfeil und Bogen erlegt. Er wohnt in der Nähe von Freiburg und hat neben dem deutschen auch den französischen Jagdschein, der es ihm erlaubt, in Frankreich auf Bogenjagd zu gehen.

Die Jagdbogen haben eine enorme Spannkraft und sind mit einer Zielvorrichtung ausgestattet. "Wenn alles richtig eingestellt ist und der Schütze sich korrekt verhält, trifft man auf 25 Meter Entfernung genauso präzise das Ziel wie ein Jäger mit Gewehr", sagt Riedel. In Deutschland kann man in Bogensportvereinen trainieren und dann die anspruchsvolle Prüfung zum Bogenjagdschein ablegen - aber ausüben darf man diese Jagdart hierzulande nicht.

1976 wurde im deutschen Jagdgesetz festgeschrieben, dass Pfeile nicht zur Jagd auf Schalenwild erlaubt sind, da die Wirkung eines Pfeils als nicht waidgerechte Tötungsart für Tiere angesehen wird. In 17 anderen europäischen Ländern sind Pfeil und Bogen zulässige Jagdwaffen. In den USA gibt es zehn Millionen Menschen, die vornehmlich mit Bogen jagen. "Vielleicht könnte diese Jagdart auch aus hiesiger Sicht sinnvoll genutzt werden", sagt Experte Riedel.

Grundsätzlich geht es den Jägern darum, die Schwarzkittel-Population im Zaum zu halten. Dass dies mit Pfeil und Bogen gelingen kann, hat ein Versuch in Spanien gezeigt. Auch in den Vorstädten von Madrid haben sich viele Wildschweine breitgemacht, die Anwohner empfanden die Situation als nicht mehr erträglich. Im Jahr 2011 wurden Pfeil und Bogen für begrenzte Gebiete rund um die spanische Hauptstadt als zusätzliche Jagdart zugelassen. 45 Bachen wurden von speziell trainierten Jägern mit Pfeil und Bogen erlegt, das Experiment wurde veterinärmedizinisch begleitet. Nach Abschluss des Projekts empfahl das Umweltministerium, Pfeil und Bogen für die Jagd zuzulassen. Mittlerweile gibt es 50 ausgebildete Bogenjäger in Spanien.

Bestätigte Präzision

Pfeil und Bogen gehören zu den ältesten Waffen der Menschheit - und es scheint, dass sie gerade wieder modern werden. Auf der Website des Bogenjagd-Verbands kann man wissenschaftliche Studien nachlesen, die die Präzision von modernen Jagdpfeilen belegen. Ob in Deutschland also auch bald wieder Jäger im Robin-Hood-Stil durch die Wälder pirschen?

Falls die Erlaubnis kommt, wären Stahnsdorf und Kleinmachnow die ersten Gemeinden bundesweit, in denen mit Pfeil und Bogen Jagd auf Wild gemacht werden darf. Man darf gespannt sein wie ein Flitzebogen.

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