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Wie Kinder ihre Eltern finden:Regretting Childhood: Wie schlimm ist es, Eltern zu haben?

Kind, aggressiv, Adhs,

Manche Kinder hätten lieber keine Eltern. Manchmal jedenfalls.

(Foto: ieniemienie/photocase.com)

Das Phänomen "Regretting Motherhood" hat das Ideal vom Mutterglück ins Wanken gebracht. Zeit, mit der Gegenseite zu sprechen: Bereut ihr es, Kind zu sein?

Die Debatte begann mit einer Frage. "Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, mit Ihrem heutigen Wissen und Ihrer Erfahrung, würden Sie dann noch mal Mutter werden?" Die israelische Soziologin Orna Donath stellte sie Frauen aus allen sozialen Schichten. Die Mehrheit sagte Ja, aber einige sagten auch Nein - sie leiden nach eigenen Angaben dauerhaft an ihrer Mutterrolle. Seither fliegen in den Feuilletons und Blogs die Fetzen, vor allem in Deutschland, wo Donaths Buch kürzlich erschienen ist. Einige Diskutanten halten die reuigen Mütter für mutig, andere für egomanische Waschlappen. Nur eine Seite ist bisher gar nicht zu Wort gekommen: die Kinder.

Das Panorama-Ressort hat sich deshalb mal bei denen umgehört, die ihren Müttern und Vätern aufgrund ihres Alters noch ausgeliefert sind. Die Frage, die wir unseren jungen Gesprächspartnern gestellt haben, war dabei stets dieselbe: Wann hast du es das letzte Mal bereut, das Kind deiner Eltern zu sein? Von den Antworten können wir hier aus Platzgründen leider nur eine kleine Auswahl zeigen.

Sara, 13

"Ich finde es unmöglich, wenn mir meine Mutter oder mein Vater sagen, wann ich ins Bett zu gehen hab. Hallo? Geht's noch? Was wissen die denn, wann ich müde bin? Das weiß ich schon selbst. Ich sterb doch nicht gleich, wenn ich mal bis drei oder vier Uhr morgens lese, das mach ich öfters. Aber da regen sie sich auf, als hätte ich was verbrochen. In so einem Moment bereue ich es, Kind zu sein. Als Erwachsener könnte ich lesen, so lange ich will. Da mault niemand mehr. Aber wenn ich mir meine Eltern anschaue, die schlafen ja schon ein, wenn es gerade dunkel wird. So möchte ich als Erwachsener nicht sein."

Henri, 8

"Mich stört, dass meine Eltern alles entscheiden dürfen. So wie Sheriffs. Da bin ich lieber bei den Großeltern. Da sagt man, was man will, und die erlauben es. Ich muss meinen Schulranzen und die Sporttasche nicht selbst tragen, und ich kann nachholen, was ich sonst nicht darf, also spät schlafen und viel Zeit am Bildschirm verbringen. Und Süßes. Noch lieber wäre ich aber erwachsen, dann darf man ganz allein bestimmen. Ich wäre am liebsten so 30 Jahre alt, weil man da am coolsten ist und viele Sachen machen kann, aber trotzdem kindlich ist und nicht wie ein Opa um die 60. Und man hat noch viel vom Leben."

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Darf man es als Frau bereuen, ein Kind bekommen zu haben? In Deutschland ist nun ein neues Buch zum Thema "Regretting Motherhood" erschienen. Eine offene Debatte darüber wäre wichtig, doch das Tabu wirkt weiter.   Von Barbara Vorsamer

Nicolas, 14, und Sophie, 11

Nicolas: "Wann ich das das letzte Mal bereut habe? Immer wenn sich die Mama dazusetzt, wenn wir "Daredevil" gucken, und sagt: ,Das ist doch viel zu brutal. Das geht doch nicht, so was können wir doch unserem Kind nicht zumuten.'"

Sophie: (während des gesamten Gesprächs nicht von ihrem Smartphone aufschauend) "Und erst die Kommentare vom Papa, dauernd diese Sätze: ,Oh Mann, warum geht die dann denn jetzt nicht hin? Warum macht er das denn?' Und ich versteh dann wieder nichts. Na, und natürlich, dass sie beide dauernd sagen, wir seien Handyzocker. ,Das find ich echt schade, dass ihr davon so abhängig seid', sagt der Papa immer. Dabei chattet der beim Abendessen selbst mit seinem Bruder."

Nicolas: "Genau! Ja, genau!"

Sophie: "Und gleichzeitig checkt er nix mit Computern. Der müsste mal in so einen Informatikkurs gehen."

Nicolas: "Bei den Filmen versaut er's mir wirklich regelmäßig, weil er dann immer irgendeine Figur blöd findet und zehnmal sagt, wie blöd die Elektra oder sonst wer ist, und ob ich nicht auch finde, dass die bescheuert ist. Irgendwann macht es einfach keinen Spaß mehr."

"Papa Checker is in da House!"

August, 8

"Ich bereue meine Mutter, wenn sie kuscheln will und mich der Bart unter ihren Achseln im Gesicht kitzelt."

Isabel, 7

"Alle meine Freundinnen dürfen den Roller nehmen, um in die Schule zu fahren. Nur ich darf das nicht. Kann mir das bitte mal jemand erklären? Ein einziges Mal hab ich ihn dann doch genommen. Und was macht Mama? Klopft plötzlich an der Klassentür, kommt rein und fragt vor der ganzen Klasse, wo mein Roller ist. Dann packt sie ihn sich und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Und alle, alle haben es gesehen!"

Moritz, 11

"Neulich habe ich meine Mutter und eine ihrer Freundinnen in der Küche belauscht. Die haben über irgendein Buch geredet. Die Freundin hat erzählt, was der Typ, der es geschrieben hat, macht, wenn er seine Tochter zu irgendetwas zwingen will. Der droht dann, in ihr Zimmer zu kommen, wenn sie Besuch hat, und zu sagen: ,Yo! Papa Checker is in da House!' Ich fasse es nicht. Meine Mutter fand das total lustig, und jetzt hab ich Angst, dass sie das auch bei mir versucht. Das wäre so endpeinlich vor meinen Freunden. Da würd ich mich vergraben."

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Arthur, 10

"Mich regt voll auf, wie ungeduldig meine Eltern sind. Wenn ich nur kurz, nur ganz, ganz kurz etwas zu Ende machen möchte, sagen die immer, dass ich sofort und gleich kommen soll. Weil das Essen fertig ist. Weil wir irgendwo hinfahren müssen. Weil ich gleich viereckige Augen bekomme, weil ich schon zu lange fernschaue. Lauter so nervige Sachen. Dabei will ich doch nur in Ruhe weiterlesen oder eine CD hören. Okay, und halt mit dem Computer spielen."

Peter, 15

"Neulich hab ich zum ersten Mal in meinem Leben Bier getrunken. Drei Bier, genau genommen. Und ein bisschen geraucht mit meinen Freunden. Mir war übel hinterher, das haben sie natürlich gemerkt, als ich nach Hause kam. Papa hat mich in den Arm genommen, und Mama hat mir den Kopf getätschelt. Später hat sie mir einen leeren Putzeimer vors Bett gestellt. Und am nächsten Tag gab's Ratschläge: Erst essen, bevor ich Bier trinke. Die Menge langsam steigern. Vorsicht bei Schnaps. Und rauchen? Soll ich selbst entscheiden, aber ich wisse ja, Krebs und so. Die Geschichte erzählen sie seither all ihren Freunden und Bekannten: ,Wir sind so stolz, dass wir die Situation gemeistert haben. Gemeinsam!' Ganz ehrlich? Mir wär's lieber gewesen, sie hätten gebrüllt. So viel Verständnis: Ich finde das zum Kotzen!"

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Jim, 5

"Nie darf ich alleine über die Straße gehen. Immer muss ich die Hand vom Papa oder von der Mama nehmen. Immer!"

Juri, 10

"Wenn wir in die Pizzeria gehen, ist es immer langweilig, bis die Pizza kommt. Das dauert ewig. Dann frag ich manchmal, wann sie endlich kommt. Mama mag das überhaupt nicht. Sie sagt, ich soll nicht immer so ungeduldig sein. Dabei habe ich nur Hunger. Einmal hat sie die Bedienung gerufen und gefragt, ob sie nicht etwas hätte, womit ich mir die Zeit vertreiben könnte. Die hat dann eine Kugelbahn gebracht, so ein Ding, das Drei- oder Vierjährige toll finden. Meine Güte. Das war so peinlich."

Elterliche Mitarbeit: Michael Bitala, Ulrike Heidenreich, Josef Kelnberger, Verena Mayer, Michael Neudecker, Arne Perras, Alex Rühle, Vera Schröder