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Herbstwetter:"Denken Sie an einen Regenschauer in den Tropen"

Gewitterregen

Je größer und schwerer die Regentropfen, desto stärker spritzt es auf.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Die meisten Menschen schimpfen, wenn es regnet. Wohl, weil sie nicht ahnen, wie faszinierend Niederschlag sein kann. Ein Experte über die Poesie des Platzregens.

Interview von Violetta Simon

Regenwetter ist eines der liebsten Jammer-Themen hierzulande, gerade jetzt, im Herbst. Als Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes kennt Andreas Friedrich, 63, alle Arten von Niederschlag. Im Gespräch verrät der Meteorologe, was er an Regen so faszinierend findet, was ein ww 53 ist und wie man den Duft nennt, der entsteht, wenn Regen auf trockenen Boden trifft.

SZ: Herr Friedrich, was um Himmels willen, mögen Sie am Regen?

Andreas Friedrich: Ich finde, das gleichmäßige Geräusch hat etwas Beruhigendes. Als Tornadobeauftragter fasziniert mich aber vor allem Regen in unwetterartiger Form, Starkregen mit Hagel etwa. Toll, diese dunklen Wolken - und wie sich der Regen in schwarzen Streifen darunter abzeichnet.

Können Sie als Meteorologe eigentlich ganz ohne Wetter-App erkennen, ob es regnen wird?

Ja, kurzfristig zumindest. Ich schaue im Sommer zum Beispiel auf die Quellwolken. Sehen sie aus wie ein Blumenkohl, mit scharfen Kanten, sind sie harmlos und man kann sich noch aufs Rad schwingen. Steigen die Quellwolken höher, sodass die Oberkante vereist, bilden sich unscharfe Ränder und man kann in den nächsten 60 Minuten mit Regen rechnen. Vor allem, wenn die Wolken auf einen zusteuern.

Wie viele Arten von Regen gibt es eigentlich?

In unserem Betriebshandbuch sind offiziell elf Arten aufgelistet: Regen, Sprühregen, gefrierender Regen, gefrierender Sprühregen, dann Schnee, Schneegriesel, Eisnadeln, Eiskörner, Reisgraupel, Frostgraupel und Hagel. Diese unterteilen wir dann nochmal, etwa in leichten Regen mit und ohne Unterbrechung, mäßigen oder starken Regen.

Und was ist mit Schauern, Niesel- oder Platzregen?

Schauer bezeichnet Dauer und Umfang, tritt lokal und kurz auf. Niesel ist umgangssprachlich und heißt bei uns Sprühregen. Er besteht aus winzigen Tropfen - man wird zwar nass, es kommt aber nicht viel auf dem Boden an. Auch der Platzregen entstammt dem Volksmund und heißt vermutlich so, weil Regentropfen auf dem Boden platzen und Gischtwellen erzeugen.

Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst

Andreas Friedrich, 63, Tornadoexperte beim Deutschen Wetterdienst, hört gerne Lieder, in denen Regen vorkommt, zum Beispiel "Singing in the rain" von Gene Kelly oder "It's raining men!" von den "Weather Girls".

(Foto: DWD)

Klingt beinahe poetisch.

Ist es auch, vor allem, wenn man in Zeitlupe betrachtet, wie so ein Tropfen in 1000 Teile zerbirst. Schneeflocken landen sanft, doch jeder Tropfen erzeugt eine kleine Gischt, schlägt eine Welle.

Stimmt es, dass Experten verschlüsselte Codes anwenden, um das Wetter zu kategorisieren?

Ja, insgesamt gibt es 1000 unterschiedliche Codes, die sichtbaren Wettererscheinungen werden in der Gruppe von 0 bis 99 als sogenannter ww-Code aufgeführt. Ein durchgehend mäßiger Sprühregen wäre demnach ein ww 53, ein ww 82 wäre ein heftiger Regenschauer.

Was ist das gefährlichste Wetter?

Ein ww 99, starkes Gewitter mit Hagel.

Können Sie uns noch etwas über Regen verraten - etwas, das kaum jemand weiß?

Etwas Nützliches und etwas Schönes. Das Nützliche: Es gibt da ein etwas nerviges Phänomen beim Regenradar. Es zeigt manchmal Niederschlag, obwohl es in dem Moment gar nicht regnet. Der Grund: Regen entsteht in großen Höhen, meist schneit es oben, bevor es unten regnet. Wenn die Regenradare ihre Strahlen über die gekrümmte Erdoberfläche hinweg in die Atmosphäre senden, treffen sie oft auf den Niederschlag, wenn er noch weit weg vom Erdboden ist. Bei sehr trockener Luft verdunsten die Tropfen aber, bevor sie landen.

Und das Schöne?

Haben Sie schon einmal wahrgenommen, wie Regen auf trockener Erde riecht?

Eine Mischung aus Staub, Feuchtigkeit, Lehm - schwer zu beschreiben ...

Genau. Doch es gibt einen Namen dafür: Petrichor. Der Begriff leitet sich ab aus "Petros", griechisch für Stein, und "Ichor" für "Götterblut". Zwei australische Forscher haben das Phänomen 1964 im Nature Magazin erklärt: In trockenen Phasen sondern Pflanzen ein bestimmtes Öl ab, um die Keimung zu verzögern. Dieses wird von Lehmböden absorbiert und bei Regen, gemeinsam mit einer erdig-muffig riechenden Verbindung namens Geosmin, freigesetzt.

Wir Europäer schimpfen ja gern über Regen. Doch im Badezimmer stellen wir uns unter die Regenwasserdusche und switchen zwischen Intense Powder Rain und Mono Rain. Absurd, oder?

Keineswegs. So ein warmer Regen auf der Haut ist doch etwas Schönes. Denken Sie an einen Regenschauer in den Tropen, ein faszinierendes Erlebnis. Und unter der Regenwasserdusche hat man nichts an, das nass werden kann, und stets ein Frotteetuch zu Hand. Ich freue mich immer, wenn ich im Hotel eine nutzen kann.

Herbstzeit im Tiergarten

Auf der Wasseroberfläche erzeugen Regentropfen Ringe.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Wenn Sie als Regenexperte schon keine Regenwasserdusche zu Hause haben, gehen Sie dann wenigstens gerne raus, wenn es regnet?

Mit einem Cape oder unter einem Regenschirm genieße ich es, bei Regen draußen zu sein. Allerdings versuche ich, dabei meine Schuhe trocken zu halten.

Heißt das, Sie besitzen auch keine Gummistiefel?

Genau. Weil der Regenexperte in seiner Regen-App nachsieht, ob es regnen wird. Und wenn er doch mal bei Regen draußen ist, einen Bogen um die Pfütze macht.

Können Sie denn verstehen, dass Menschen Niesel-, Verzeihung, Sprühregen nicht mögen?

Ich lebe mit so einem Menschen zusammen. Wenn es hier in Oberursel nieselt, spricht meine Frau von "Depriwetter". Und sie hat ja recht, es ist kalt und nass, die Nase wird feucht, die Brille beschlägt, man sieht nichts. Hinzu kommt, dass Sprühregen oft in Verbindung mit Herbst, Nebel und Dunkelheit auftritt. Andererseits: Ohne Regen kein Regenbogen. Deshalb freue ich mich immer über einen Schauer, bei dem die Sonne durchbricht. Durch die Trockenheit im Sommer hat sich sein Image zum Glück gebessert, die meisten haben erkannt: Regen ist ein kostbares Gut.

© SZ/afis
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