bedeckt München
vgwortpixel

Stilkritik:Warum wir alle so Sommerschluss-panisch sind

Wetter - Jetzt sind wir alle Sommerschluss-panisch

Oktoberliches T-Shirt-Wetter am Bodensee.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Obwohl kein Mensch weiß, ob es in 14 Tagen nicht doch noch mal T-Shirt-Wetter gibt, flüchten wir jetzt alle in die Sonne. Das ist typisch. Typisch für unsere Zeit.

Das erste Mal kommt die Panik irgendwann Ende August. Sonntags vielleicht, wenn man dringend mal die Post sortieren sollte, dann aber doch spontan an den See aufbricht, weil: "Das ist ja jetzt das letzte schöne Wochenende des Jahres." Der Satz ist im August genauso falsch wie jetzt, Mitte Oktober, wo er sein Jahreshoch erreicht und einem bei entsprechenden Wetterverhältnissen Woche für Woche entgegenschallt.

Kein Mensch weiß, ob es in 14 Tagen nicht doch noch mal T-Shirt-Wetter gibt. Und jeder ist sich bewusst, dass mit "ein schönes Wochenende" im Hochsommer etwas anderes gemeint ist als im Spätherbst, dass die Ansprüche also sinken und Freude über das Wetter auch im November noch möglich ist.

Objektiv betrachtet kann man sich den Satz also sparen. Gerade deshalb aber ist er interessant.

Das letzte schöne Wochenende löst im Menschen einen Fluchtreflex aus: raus aus dem Bett, der Wohnung, der Stadt, rein in die Sonne, den Park, die Berge. Noch mal genießen, bevor es vorbei ist. Die letzte Biergarten-Mass. Das letzte Mal die nackten Füße im See. Den letzten Kaiserschmarrn, bevor die Almhütten schließen. Der Fluchtreflex schaltet den Verstand aus und damit die Fähigkeit, den Reflex zu begreifen und ihm zu widerstehen.

Angst, etwas zu verpassen?

So weiß zwar jeder einigermaßen gescheite Münchner, dass sich am letzten schönen Wochenende der Weg von München an den Tegernsee blechlawinenbedingt von 45 Minuten auf eineinhalb Stunden verlängert. Ins Auto setzen sich trotzdem alle.

Der Grund für dieses seltsame Verhalten ist die Angst des Menschen, etwas zu verpassen, das Gefühl also, das seit dem Siegeszug der sozialen Netzwerke auch mit dem Akronym Fomo (Fear of missing out) bezeichnet wird. Zu Hause bleiben, während der Rest des Freundeskreises das Traumwetter genießt und das auf Instagram gut dokumentiert? Niemals! Sich einfach der vielen schönen Wochenenden des bisherigen Jahres erinnern und entspannt die Post öffnen? Ausgeschlossen!

Selbst wenn der Weg an den Tegernsee drei Stunden dauert und man an der Gondel noch mal eineinhalb Stunden ansteht! #Autumnlove, verdammt noch mal!

Vielleicht wäre es Zeit für den Gedanken: dass nach dem schönen zwar schlechtes Wetter kommt, dann aber auch wieder schönes (gefolgt von wiederum schlechtem). Oder man versähe einfach jeden Wetterbericht mit der Überschrift, die in Douglas Adams' Science-Fiction-Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" auf dem Umschlag des gleichnamigen Reiseführers prangt:

"Keine Panik".

Lesen Sie jetzt mit SZ Plus:
Job Wer weniger arbeitet, schafft mehr

15-Stunden-Woche

Wer weniger arbeitet, schafft mehr

Niemand kann acht Stunden am Stück produktiv sein, sagt der Historiker Rutger Bregman. Er fordert eine völlig neue Verteilung von Arbeit.   Von Viola Schenz