Süddeutsche Zeitung

Wetter:Die kleine Kälte-Provokation

Wer in diesen Tagen nach den "Tagesthemen" auf die Wetterkarte schaut, ganz nach unten, Richtung Berchtesgaden, erkennt dort einen eisigen Zipfel. Mal minus 39 Grad, mal minus 41 Grad. In Deutschland. Was ist da eigentlich los, Herr Kachelmann?

Es ist kalt in Deutschland. Verglichen freilich mit den Temperaturen am Funtensee im Nationalpark Berchtesgaden nur kühl. Denn dort ist es arktisch. Der Meteorologe Jörg Kachelmann von Meteomedia weiß, warum das so ist.

sueddeutsche.de: Wie kalt ist es jetzt am Funtensee? Kachelmann: Am Dienstag wurden minus 43,6 Grad gemessen. Das war in diesem Winter der tiefste Wert, nur knapp unter dem Rekordtief von 45,9 Grad - die tiefste jemals in Deutschland gemessene Temperatur. Das war am 24. Dezember 2001.

sueddeutsche.de: Das fällt doch etwas aus dem Rahmen ... Kachelmann: Es gibt dort eine spezielle geologische Situation. Es handelt sich beim Funtensee um eine große Mulde. So etwas gibt es häufiger in Gebieten mit Kalkgestein wie dort in den Kalkalpen. In dieser Mulde kann sich die Kaltluft wunderbar sammeln. Wenn es nachts klar ist, fallen die Temperaturen entsprechend tief.

sueddeutsche.de: Als Laie würde man einer solchen Mulde vielleicht ein paar Grad zusätzlich zugestehen. Aber gleich minus 40 Grad? Kachelmann: Wir wollen beim Tagesthemen-Wetter den Leuten vermitteln, dass das Wetter relativ spannend ist - auch in Deutschland. Die Luft über dem Funtensee schafft es im Hochwinter, sich selbstständig 30 Grad unter die Umgebungstemperatur abzukühlen. Das ist eine schöne Leistung und die soll man auch nicht verschweigen.

sueddeutsche.de: Nun sollte es in Deutschland Mulden zuhauf geben. Warum ist gerade die so speziell? Kachelmann: Sie ist auf 1600 Metern und sehr groß. Es gibt sonst keine Mulden, die über einen Kilometer Durchmesser haben und 100 Meter tief sind.

sueddeutsche.de: Und in der hängt Luft fest, die alles mit sich geschehen lässt? Kachelmann: Kalte Luft verhält sich wie Wasser. Sie ist schwerer als warme Luft und sammelt sich wie Wasser an den Stellen, wo sie zufrieden liegen bleiben kann. Außerhalb einer solchen Mulde wird von der Seite her ständig neue Luft zugeführt oder es geht ein Wind und die kalte Luft fließt ab, etwa an einem Hang oder am Gipfel. Dort kann sich die Kaltluft nicht sammeln. Beim Funtensee hingegen kann die Luft die ganze Nacht über auskühlen - das ist die Besonderheit.

sueddeutsche.de: Ist es dort auch im Sommer kälter? Kachelmann: Nein, tagsüber ist es dort sogar besonders warm. Trotz der Lage auf 1600 Metern steigt die Temperatur durchaus auf plus 25 Grad, das gibt es sonst in dieser Höhe nicht. Die Mulde führt nicht nur dazu, dass es besonders kalt wird: Der Luftkörper, der leicht auskühlt, erwärmt sich eben auch schnell. Das Gebiet Funtensee übertrifft also also sowohl bei den Höchst- als auch bei den Tiefsttemperaturen seine Umgebung - wobei das nur für klare und sonnige Verhältnisse gilt. Wenn es bewölkt oder windig ist, gibt es überhaupt keinen Unterschied.

sueddeutsche.de: Ist das für die Botanik nicht etwas anstrengend? Kachelmann: Das wirkt sich in der Tat ganz dramatisch auf die Vegetation aus. Es ist der einzige Ort, den ich kenne, der eine Waldgrenze nach unten und nicht wie sonst nach oben hat. Oberhalb des Sees gibt es Wald, aber nicht mehr am See selbst. Mit jedem Meter in Richtung des Sees herunter werden die Bäume kleiner, schließlich sind nur noch Sträucher vorhanden und in den letzten 20, 30 Metern über dem See haben sie praktisch gar keine Vegetation mehr.

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