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Chile:Stadt der Frauen

Femizide in Lateinamerika

"Ni una menos" (Nicht eine weniger) steht auf dem Augenpflaster einer Demonstrantin. Sie protestiert in Chile im Dezember vergangenen Jahres gegen Gewalt gegen Frauen.

(Foto: dpa)
  • Chiles Feministinnen haben mehr als 60 Plätze, Denkmäler und Parks der Hauptstadt umgetauft.
  • Die ursprünglichen Namen - allesamt männlich - wurden überklebt.
  • Die Aktion ist ein Auftakt für die angekündigten Proteste rund um den Weltfrauentag am Sonntag.

Da ist zum Beispiel der Park, der eigentlich nach Papst Johannes XXIII. benannt ist. Der Springbrunnen für den Dichter Rubén Darío. Oder die breite Hauptstraße Santiago de Chiles, sie trägt den Namen des Unabhängigkeitskämpfers und ersten Staatschefs Bernardo O'Higgins.

Als am Montagmorgen über der chilenischen Hauptstadt die Sonne aufging, trugen sie allesamt plötzlich neue Namen. Aus dem päpstlichen Park war die "Plaza Joana Florvil" geworden, benannt nach einer haitianischen Migrantin, die 2017 in Polizeigewahrsam verstarb. Auf dem Springbrunnen prangt der Name der Schriftstellerin Mara Rita, und die Hauptstraße heißt nun nach der bekannten chilenischen Dichterin Gabriela Mistral.

Über Nacht haben Chiles Feministinnen mehr als 60 Plätze, Denkmäler und Parks der Hauptstadt umgetauft. Die Namen der berühmten Männer haben sie überklebt und sie mit violetten Tüchern markiert - der Farbe des feministischen Protests. "Diese Aktion ermöglicht uns, im öffentlichen Raum aufzutauchen, wo wir sonst nicht genannt werden, mit unseren eigenen Namen und unseren eigenen Erinnerungen", sagte Javiera Manzi, eine der Organisatorinnen, der chilenischen Zeitung El Mostrador.

Für Montag planen die Frauen, nicht zur Arbeit zu gehen

Die Aktion am "Superlunes", dem Supermontag, den die Feministinnen in Anspielung auf den "Super Tuesday" in den USA ausriefen, soll der Auftakt sein für etwas Größeres. Neben den umbenannten Denkmälern fanden sich überall in Santiago Banner und Plakate, die an den "feministischen Generalstreik" erinnern, der für kommenden Sonntag und Montag geplant ist.

Zum Weltfrauentag am Sonntag haben die chilenischen Feministinnen Protestmärsche angekündigt, am Montag dann sollen alle Frauen nicht zur Arbeit gehen. Ähnliches ist auch in anderen lateinamerikanischen Ländern geplant, zum Beispiel in Mexiko.

Die chilenische Regierung verfolgt die Pläne mit großer Nervosität. Tausende Polizisten sollen auf die Straße geschickt werden, wenn die Feministinnen am Sonntag demonstrieren, es wird mit Hunderttausenden Teilnehmern gerechnet. Viele befürchten, dass es dann zu gewaltsamen Zusammenstößen kommt. In jedem Fall will die Regierung verhindern, dass die Proteste ähnlich eskalieren wie im vergangenen Herbst, als wochenlang Hunderttausende auf die Straßen gingen und die massive soziale Ungerechtigkeit anprangerten.

Die Regierung von Präsident Sebastián Piñera wackelte damals und konnte die Lage nur dadurch etwas beruhigen, dass sie für den kommenden April eine Abstimmung über die chilenische Verfassung ankündigte. Die Verfassung ist vielen Chilenen verhasst, sie wurde unter dem früheren Diktator Augusto Pinochet erarbeitet und befördert nach Ansicht vieler die extreme Ungleichheit in dem Land.

Dass die chilenischen Feministinnen in der Lage sind, Massen zu mobilisieren, haben sie schon mehrfach gezeigt. Im November entwarf ein feministisches Kollektiv aus der Hafenstadt Valparaíso einen Protesttanz, um sexuelle Gewalt anzuprangern. Er ging daraufhin um die Welt, Tausende Frauen führten ihn in etlichen Städten weltweit auf, von Bogotá über Berlin bis nach Istanbul. Bei den Regierungsprotesten im Herbst spielten die Feministinnen zudem eine führende Rolle. Außerdem haben sie Erfahrung mit der Umbenennung öffentlicher Plätze: Im März vergangenen Jahres tauften sie über Nacht die U-Bahn-Stationen der Hauptstadt Santiago auf die Namen berühmter Frauen um - so wie jetzt die Parks und Denkmäler. Künftig dürfte noch mehr von ihnen zu hören sein.

© SZ/feko
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