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Mutmaßliches Opfer im Weinstein-Prozess:Zwischen Mitleid und Erniedrigung

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Belastungszeugin Jessica Mann vor ihrer Aussage im Prozess gegen Harvey Weinstein am Manhattan Criminal Court.

(Foto: AFP)
  • Im Prozess gegen den einstigen Filmmogul Harvey Weinstein sagt Jessica Mann aus. Die 34-Jährige bezichtigt ihn der Vergewaltigung.
  • Ihre Beziehung zu Weinstein sei von Beginn an geprägt gewesen von einem offensichtlichen Machtgefälle, sagt Mann. Und irgendwann auch von Gewalt.

Harvey Weinstein scheint bestens gelaunt zu sein an diesem Freitagmorgen. Er unterhält sich angeregt mit einer Frau, sie sitzt in den hölzernen Bankreihen direkt hinter dem Angeklagten, Plätze, die für seine Unterstützer reserviert sind. Weinstein lacht, legt den Kopf in den Nacken - es ist eine Szene mit klarer Botschaft: Der einstige Filmmogul, der im Gerichtssaal jeden Tag unter Beobachtung von mindestens drei Dutzend Journalisten steht, blickt der Aussage der Belastungszeugin an diesem Tag offenbar gelassen entgegen.

Jessica Mann ist eine von zwei Frauen, deren Vorwürfe vor dem New York State Supreme Court verhandelt werden. Die 34-Jährige bezichtigt Weinstein der Vergewaltigung. Im Raum stehen 25 Jahre Gefängnis, lebenslänglich im Bundesstaat New York.

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Um 10.07 Uhr kommt Jessica Mann durch einen Seiteneingang in den Gerichtssaal - es ist das erste Mal, dass sie als mutmaßliches Opfer öffentlich in Erscheinung tritt. Mimi Haleyi, die zweite Frau im Zentrum des Prozesses, und andere Zeuginnen hatten bereits in Interviews über ihre Anschuldigungen gegen den prominenten Angeklagten gesprochen. Für die Staatsanwaltschaft hängt viel von dieser Aussage ab.

Mann hat wie andere Zeuginnen auch inzwischen einen Rechtsbeistand, er dürfte sie intensiv auf diesen Tag vorbereitet haben. Und er wird sie vermutlich auch darauf eingestellt haben, dass im Saal an die 50 Journalisten sitzen werden. Jessica Mann, deren Identität erst zum Prozessstart gelüftet wurde, steht nun mit ihrer ganzen Person im Mittelpunkt eines Skandals, der weltweit verfolgt wird. Nicht nur mit allem, was sie sagt, sondern auch mit ihren Gesten, ihrer Mimik, ja sogar mit ihrer Kleidung. (Sie trägt an diesem Morgen ein eng anliegendes schwarzes Langarmshirt und eine weite graue Hose).

Jessica Mann arbeitet heute als Friseurin, sie hat ihren Traum einer Hollywood-Karriere aufgegeben - die implizite Erwartung der Branche an Frauen, ein ganz bestimmtes Bild von Weiblichkeit zu präsentierten, scheint sie bis heute zu begleiten. Wenn sie ihre langen, dunkelbraunen Haare über eine Schulter legt, wirkt das wie die unbewusste Geste einer Frau, die lange in einem Umfeld gelebt hat, in dem ein attraktives Erscheinungsbild erwartet wird.

Gleich zu Beginn ihrer Befragung durch Staatsanwältin Joan Illuzzi kämpft die junge Frau mit sich. "Ich bin wirklich nervös", sagt sie entschuldigend. Für einen Moment ist ihre Mimik seltsam verzogen, als hänge sie irgendwo zwischen Lachen und Weinen fest. Manns Handbewegungen werden im Verlauf mitunter fast etwas Affektiertes haben: Sie legt ihren Handrücken an die Stirn, umfasst ihre Wange oder drückt Daumen und Zeigefinger an den Nasenrücken. Gesten wie aus einem Drehbuch - vielleicht geben sie der ehemaligen Schauspielerin in jenen zermürbenden Momenten Sicherheit.

Weinstein als "göttlicher Segen"

Vor Gericht führt Mann durch eine Geschichte, die sie selbst bis heute nicht so ganz zu verstehen scheint. Mann wächst auf einem Milchhof in einer tiefreligiösen Gemeinde in Washington State auf, sie selbst spricht von einer "Kult-gleichen" Gemeinschaft. Mit 25 verlässt sie ihr Elternhaus, um sich als professionelle Schauspielerin zu versuchen. Als sie im Winter 2012/2013 auf einer Filmparty in Los Angeles den Produzenten Harvey Weinstein kennenlernt, ist ihr bisher größter Erfolg die Tatsache, dass sie es geschafft hat, das Interesse eines Agenten zu wecken. Zwischenzeitlich war sie obdachlos, übernachtete in ihrem Auto - von ihrem Wunsch, es in der Traumfabrik zu schaffen, hat sie das nicht abgebracht. Dass sie Weinstein kennenlernt, der zu diesem Zeitpunkt laut Mann der "Guru von Hollywood" ist, erscheint ihr als Belohnung für ihre Entbehrungen - ein "göttlicher Segen", wie sie sagt.

Zwischen der Jungschauspielerin und dem sehr viel älteren Studioboss entspinnt sich eine Beziehung, die, glaubt man Manns Ausführungen, von Beginn an geprägt ist von einem offensichtlichen Machtgefälle, widersprüchlichen Emotionen, Manipulationen und irgendwann auch Gewalt.

Weinstein lädt Mann in eine auf Filmliteratur spezialisierte Buchhandlung ein und drängt sie kurz darauf bei einem Treffen, bei dem es eigentlich um ihre Karriere gehen soll, mit seinen Annäherungsversuchen so in die Ecke, dass sie ihm eine Massage gibt. "Er hatte viele, also wirklich viele Mitesser auf dem Rücken - das Gefühl unter meinen Fingern war unangenehm", sagt Mann.

Als ihr Weinstein im Schafzimmer einer Hotelsuite zum ersten Mal Oralverkehr aufgezwungen haben soll, wartet im Nebenraum eine befreundete Nachwuchsschauspielerin. Der Filmproduzent hat die Frauen demnach mit dem Versprechen aus der Hotelbar weggelockt, oben auf dem Zimmer Filmskripte liegen zu haben. Zunächst sei Weinstein aggressiv gewesen, dann habe er versucht, mit ihr zu verhandeln, erzählt das mutmaßliche Opfer. "Er sagte zu mir: Ich lasse dich nicht gehen, ohne dir vorher etwas Gutes zu tun." Dann habe er ihre Unterhose runtergezogen und seinen Mund auf ihre Vagina gepresst. Um der Situation möglichst schnell zu entkommen, habe sie einen Orgasmus vorgetäuscht.

Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet

Obwohl Weinstein die sexuelle Handlung gegen Manns Willen durchgeführt haben soll, trifft sie sich danach immer wieder mit ihm. "Ich habe mich auf etwas eingelassen, von dem ich dachte, dass es eine richtige Beziehung ist. Doch von da an war es sehr entwürdigend." Es kommt zu Körperlichkeiten und, so sagt es Mann, zu Erniedrigungen. Bei einer Gelegenheit soll Weinstein auf die junge Frau uriniert haben. Mehrmals im Verlauf von Manns Aussage fragt Staatsanwältin Illuzzi nach dem Warum - eine eindeutige Antwort hat die Zeugin darauf nicht. Weinstein sei erfolgreich gewesen, ein Genie der Filmbranche, sagt Mann, im Privaten "Jekyll und Hyde". Mal wahnsinnig charmant, im nächsten Moment aufbrausend und bedrohlich. Ein Nein habe auf ihn wie ein Trigger gewirkt.

Als Staatsanwältin Illuzzi sie bittet, Weinsteins Körper zu beschreiben, bricht Mann die Stimme. Weinstein habe eine großflächige Narbe am Körper, die an ein Brandopfer erinnere. Sein Genitalbereich sei entstellt. "Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, hatte ich Mitleid mit ihm." Es scheint fast, als falle ihr dieses Eingeständnis schwerer als kurz darauf die Schilderung der ersten mutmaßlichen Vergewaltigung. Bereits in den vergangenen Tagen hatte die Staatsanwaltschaft immer wieder Fotos von Weinstein und jenen Frauen, die ihm sexuelle Übergriffe vorwerfen, an den großen Bildschirm im Saal geworfen. Sie zeigten einen älteren Mann, groß und bullig, und junge Frauen, die ihm offensichtlich körperlich unterlegen waren. Und immer stellten Illuzzi und ihre Partnerin Meghan Hast dieselben Fragen: Hatten Sie jemals ein romantisches Interesse am Angeklagten? Fühlten Sie sich sexuell von Harvey Weinstein angezogen?

Es war jeweils der Versuch, die Verteidigungsstrategie von Weinsteins Anwälteteam schon vor dem Kreuzverhör auszuhebeln. Bereits das Eröffnungsplädoyer der Verteidiger hatte deutlich gemacht: Donna Rotunno, Damon Cheronis und Arthur Aidala würden versuchen, die mutmaßlichen Übergriffe als eine Art Tauschgeschäft darzustellen - einvernehmlicher Sex gegen Karrierechancen.

Jessica Mann sagt, sie habe sich nie körperlich angezogen gefühlt von Weinstein. Sie habe aber zwiespältige Gefühle für ihn gehegt. "Seine Anerkennung hat mir so viel bedeutet." Ihre Ausführungen wirken ungefiltert, an manchen Stellen geht ein Raunen durch den Saal. Mann spricht nicht nur in drastischer Deutlichkeit über Weinsteins mangelnde Körperhygiene, sie legt auch ihr eigenes Verhalten offen - mit allen Widersprüchlichkeiten. Auch nach den mutmaßlichen Übergriffen setzt sie ihre Beziehung mit Weinstein fort, es kommt zu weiteren, einvernehmlichen sexuellen Kontakten. Als sie befürchtet, ihr Auto wegen zu vieler unbezahlter Strafzettel zu verlieren, wendet sie sich hilfesuchend an das Büro des Filmproduzenten. Sie habe zu diesem Zeitpunkt wieder einmal in ihrem Wagen übernachtet, erklärt Mann. "Ich war verzweifelt."

Als Richter James Burke nach knapp drei Stunden die Verhandlung für eine Mittagspause unterbricht, verlässt die Zeugin weinend den Saal - das Kreuzverhör durch Verteidigerin Donna Rotunno steht ihr da noch bevor.

© SZ/moge/swi
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