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Vergewaltigungsprozess in New York:Weinstein-Verteidiger fordern Rücktritt des Richters

Film producer Harvey Weinstein exits at New York Criminal Court for his sexual assault trial in New York

Harvey Weinstein verlässt begleitet von seinen Anwälten Donna Rotunno und Damon Cheronis (rechts) das Gericht in New York.

(Foto: Brendan McDermid/REUTERS)
  • Harvey Weinsteins Verteidiger-Team im Vergewaltigungsprozess wirft Richter James Burke Befangenheit vor.
  • Am Vortag hatte dieser Weinstein scharf zurechtgewiesen, weil er trotz Handy-Verbot im Gerichtssaal Nachrichten verschickt hatte.
  • Weinsteins Anwälte sehen darüber hinaus das Recht ihres Mandanten auf eine faire und vorurteilsfreie Jury in Gefahr.

Von Johanna Bruckner, New York

Die Jury-Auswahl in einem US-Strafprozess kann langwierig sein - und "sterbenslangweilig", wie Anwälte freimütig einräumen, wenn es nicht um ihre eigenen Verfahren geht. James Burke, Vorsitzender Richter im Prozess gegen den ehemaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein, sprach am ersten Tag von einer "Tortur", die nun vor allen Beteiligten liege. Gemeint war die mühsame Suche nach zwölf Jurymitgliedern plus sechs Ersatz-Juroren, die am Ende dieses vielbeobachteten Verfahrens über Schuld und Schicksal des Angeklagten zu entscheiden haben. Weinstein, einst einer der mächtigsten Männer Hollywoods, muss sich vor der Strafkammer des New York State Supreme Courts unter anderem wegen Vergewaltigung und Nötigung verantworten. Bei einer Verurteilung droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.

Bis zu einem Urteil ist es allerdings noch ein langer Weg, das zeigt sich einmal mehr an Tag drei, an dem Weinsteins Verteidigung zum wiederholten Male versucht, mit einem Antrag den kompletten Prozess zu torpedieren: Das Team um Donna Rotunno fordert den Rücktritt von Richter Burke - wegen Befangenheit. Die Verteidigung verweist auf eine Begebenheit des Vortages: Da hatte Burke den Angeklagten scharf zurechtgewiesen, weil dieser gegen das Handy-Verbot im Gerichtssaal verstoßen hatte. "Ist das wirklich die Art und Weise, wie Sie für den Rest Ihres Lebens im Gefängnis landen wollen, indem Sie gegen ausdrückliche Anweisung Textnachrichten schreiben?", fragte Burke Weinstein.

Für seine Anwälte ein Beleg für die Voreingenommenheit des Richters. Der Satz spiegele die "Feindseligkeit" des Gerichts gegenüber dem Beschuldigten wider, argumentiert Arthur Aidala, Rotunnos Co-Verteidiger, in dem schriftlichen Antrag. Dazu passe, dass es das Gericht bisher versäumt habe, Weinsteins Recht auf eine faire und vorurteilsfreie Jury zu gewährleisten. So sei sowohl der Antrag auf eine Verlegung des Verfahrens abgelehnt worden, als auch das Ersuchen, nach der Anklage in Los Angeles eine Pause zur Abkühlung der Gemüter einzulegen.

Weinsteins Anwälte hatten geltend gemacht, dass sich im liberalen New York - Weinsteins Heimatstadt - keine Personen finden ließen, die sich noch keine Meinung zu ihm gebildet hätten. Mit der zuletzt beantragten cooling off period wollten sie nach eigener Aussage verhindern, dass potenzielle New Yorker Juroren durch die neuen Anschuldigungen an der Westküste beeinflusst werden. Am Montag, nur wenige Stunden nach Prozessstart im Saal 99 des Criminal Courts in Downtown Manhattan, hatte die Staatsanwaltschaft in Los Angeles verkündet, Weinstein ebenfalls wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung anzuklagen.

43 mögliche Juroren werden bereits nach einer Stunde entlassen

Während Richter Burke auch den jüngsten Antrag des mittlerweile dritten Verteidigerteams von Harvey Weinstein wohl abschmettern dürfte, könnte die Auswahl der Laien-Jury in seinem Fall tatsächlich knifflig werden. Während Weinsteins Anwälte verhindern wollen, dass Personen im Gremium landen, die Weinstein bereits für schuldig halten, muss die Staatsanwaltschaft versuchen, vorab jene Amerikanerinnen und Amerikaner herauszufiltern, die in der Me-too-Debatte eine Hexenjagd auf den Mann als solches sehen.

Am Dienstagmorgen waren die ersten 120 potenziellen Juroren aus dem sogenannten Pool in den Gerichtssaal geführt worden. 43 wurden bereits eine Stunde später von ihrer Pflicht entbunden, weil sie angaben, das Verfahren nicht unvoreingenommen beurteilen zu können. Die Mehrheit der entschuldigten Juroren waren Frauen. Mehrere gaben an, in der Vergangenheit selbst Opfer von sexuellen Übergriffen geworden zu sein.

Die übrigen potenziellen Juroren bekommen in einem ersten Schritt einen standardisierten Fragebogen. Darin wird unter anderem abgefragt, ob sich die per Zufallsverfahren ausgewählten Bürger in der Lage sehen, den Fall nur auf Grundlage der vor Gericht präsentierten Beweise zu beurteilen. Wer diese Runde übersteht, wird noch einmal tiefergehend von Staatsanwaltschaft und Verteidigung befragt - jede Seite kann jeweils drei Juroren ohne Angabe von Gründen ablehnen.

Ein zeitaufweniger und zermürbender Prozess - wohl auch für Harvey Weinstein selbst. Der hatte am Tag der Handy-Schelte sogar auf Anraten des Richters ein Buch mit ins Gericht gebracht: eine Biografie der Brüder Mankiewicz, verantwortlich für Filme wie "Citizen Kane" und "Cleopatra". Trotz ihrer Hollywood-Erfolge nagte an Herman und Joseph Mankiewicz, dass ihnen Triumphe am New Yorker Broadway verwehrt blieben - möglicherweise ein Gefühl, mit dem sich Weinstein identifizieren kann. In einem Interview beklagte er jüngst, ein "vergessener Mann" zu sein.

© SZ.de/bix
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