Süddeutsche Zeitung

Weinstein-Prozess:Letztes, mächtiges Wort

Bei den Schlussplädoyers von Verteidigerin Donna Rotunno und Staatsanwältin Joan Illuzzi zeigt sich erneut, wie sehr der Weinstein-Prozess das Duell zweier Frauen war.

Joan Illuzzi ist zu früh. Als die Staatsanwältin am 8.35 Uhr am Freitagmorgen an den Fotografen vor dem Gerichtssaal 99 vorbeiläuft, scheinen die überrumpelt. Einige schaffen es noch, ihre Kameras hochzureißen, aber es ist nicht das übliche Blitzlichtgewitter, das sonst die Protagonisten im Fall Harvey Weinstein begrüßt. Illuzzi wird heute ihr Abschlussplädoyer halten, es ist die letzte Möglichkeit für die Staatsanwältin, die Jury von der Schuld des Angeklagten zu überzeugen. Mehr als 80 Frauen werfen Weinstein sexuelles Fehlverhalten vor, vor der Strafkammer des New York State Supreme Court geht es im Kern um schwere Übergriffe auf zwei Frauen.

Dass Illuzzi eine knappe Stunde vor Verfahrensbeginn bereits an ihrem Platz sitzt, passt. Vor Gericht wirkte die 57-Jährige mitunter wie eine übereifrige Schülerin. Manchmal konnte Richter James Burke seine Ungeduld kaum verhehlen, wenn Illuzzi aufsprang, um eine weitere Beschwerde gegen die Verteidigung vorzubringen. Doch es gab auch andere Momente - Momente, in denen Illuzzi unter Beweis stellte, warum Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance sie auf diesen Fall angesetzt hatte. Im Kreuzverhör war sie messerscharf, stach selbst Verteidigerin Donna Rotunno aus, die als ausgewiesene Spezialistin für das "Zeugengrillen" vor Gericht gilt. Einen vermeintlichen Entlastungszeugen zerlegte Illuzzi regelrecht, am Ende erschien seine Aussage nicht wie ein Beitrag zur Wahrheitsfindung - sondern als Freundschaftsdienst an Weinstein.

Rotunno hatte in ihrem Schlussplädoyer am Vortag auf die Gegnerin Bezug genommen. Illuzzis Abschlussstatement werde wohl gut sein, sagte Rotunno - "sie ist eine gute Anwältin". Es war kein Lob an die Konkurrentin, sondern eine Warnung an die Jury. "Sie wird versuchen, Sie aufzupeitschen!" Rotunno selbst inszenierte sich als Stimme der Vernunft. Es gehe nicht darum, Harvey Weinstein zu mögen, sagte sie ihn Richtung der Jury. Ihn für "vielleicht" oder "wahrscheinlich" schuldig zu halten, sei nicht genug. Während sie sprach, leuchteten auf dem großen Bildschirm im Saal Folien mit den Grundsätzen des amerikanischen Rechtssystems auf. "Unschuldsvermutung", war dort zu lesen, und: "Beweislast".

Auch Joan Illuzzi hat am Freitag Folien vorbereitet. Auf einer der ersten steht in Großbuchstaben: "NO MOTIVE TO LIE" - kein Grund zu lügen. Auf der Staatsanwältin ruhen die Hoffnungen von insgesamt sechs Frauen, die im Zeugenstand über mutmaßlich traumatische Erlebnisse gesprochen hatten und sich im Kreuzverhör von Rotunno und ihrem Team als Lügnerinnen und Manipulatorinnen verunglimpfen lassen mussten.

Und auf Illuzzi lastet der öffentliche Druck. Für die Welt außerhalb des Gerichtssaals scheint die Beweislast gegen Harvey Weinstein erdrückend - jetzt fehlt nur noch das offizielle juristische Siegel: ein Schuldspruch.

Für Rotunno ging es darum, eine möglicherweise lebenslange Haftstrafe für ihren Mandanten abzuwenden. Schon eine sogenannte hung jury, also eine Jury, die nicht zu einem einstimmigen Urteil kommt, wäre ein Erfolg für sie. Damit der Prozess auf diese Weise zu Ende geht, reicht theoretisch ein Jurymitglied, bei dem Zweifel geweckt wurden.

"Das ist das Markenzeichen eines Raubtiers"

Wie schon Rotunno am Tag zuvor geht Illuzzi ins Detail, ruft einzelne Zitate aus den Aussagen der Zeuginnen auf, zieht Parallelen zwischen den Schilderungen von Annabella Sciorra und Jessica Mann - die mutmaßlichen Vergewaltigungen liegen 23 Jahre auseinander.

Wer sich frage, warum diese Frauen nicht früher zur Polizei gegangen seien, sagt Illuzzi, der müsse sich eines vergegenwärtigen: "Diese Frauen wussten nichts voneinander, das ist das Markenzeichen eines Raubtiers." Es isoliere seine Opfer, "du bist die Einzige, er ist der Gigant". Während sie spricht, steht die Staatsanwältin direkt vor der Jurybank. Manchmal läuft sie auf und ab, oft hat sie die Hände auf das Holzgeländer gestützt und nimmt einzelne Jurymitglieder direkt in den Blick.

Eine Anwältin, die in der Vergangenheit mit Illuzzi zu tun hatte, sagte dem Hollywood Reporter, Illuzzi sehe sich selbst als "Soldatin in der Armee der Staatsanwaltschaft". Die Juristin aus Staten Island, dem abgelegensten New Yorker Stadtteil, gilt als Expertin für sogenannte Cold Cases: lange zurückliegende Fälle, in denen Beweise rar sind. Ihr größter Erfolg war eine Verurteilung im Fall Etan Patz: Der sechsjährige Junge war 1979 in Manhattan spurlos verschwunden - Illuzzi erreichte fast vier Jahrzehnte später einen Schuldspruch wegen Entführung und Mordes.

Auch im Weinstein-Verfahren beweist sie, dass sie weiß, eine Jury für sich einzunehmen. Sie zeigt sich mitfühlend gegenüber den mutmaßlichen Opfern, verurteilt mit lauter Stimme den Zynismus von Weinsteins Anwälten und straft den Angeklagten selbst mit sarkastischen Spitzen. Als sie Weinstein in Anspielung auf eine gleichnamige Filmkomödie aus dem Jahr 1994 als "Richie Rich" bezeichnet, lacht der ganze Saal.

Am Ende spricht Illuzzi gut drei Stunden, nur etwa halb so lang wie Donna Rotunno. Die hatte am Vortag noch gesagt: "Sie (Illuzzi, Anm. d. Red.) hat das letzte Wort - das letzte Wort ist mächtig."

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