Süddeutsche Zeitung

Weinstein-Prozess:Der andere Harvey

Vor einem New Yorker Gericht sagt die ehemalige Produktionsassistentin Mimi Haleyi unter Tränen gegen den früheren Filmproduzenten aus. Über einen Tag im Juli 2006.

Miriam Haleyi, genannt Mimi, ist eine zierliche Frau, 1,65 Meter groß. Vor Gericht in Manhattan trägt sie einen beigefarbenen Blazer. Er ist weit geschnitten, was ihren Körper noch schmaler wirken lässt. Als sie über den 10. Juli 2006 erzählt, jenen Tag, an dem sich Harvey Weinstein ihr zum ersten Mal aufgezwungen haben soll, scheint sie auf ihrem Platz neben der wuchtigen Richterbank noch kleiner zu werden. Mehr als 80 Frauen werfen dem früheren Filmproduzenten schweres sexuelles Fehlverhalten vor - die mittlerweile 42-jährige Haleyi ist eine von zwei Frauen, deren Vorwürfe nun im ersten großen Prozess der Metoo-Ära vor der Strafkammer des New York State Supreme Courts verhandelt werden.

Haleyi beschreibt, wie ihr Weinstein den ersten Job in New York anbot, als Produktionsassistentin am Set der TV-Show "Project Runway". Als sie annimmt, hat sie nach eigener Aussage bereits den anderen Harvey erlebt, einen Mann, der nur widerwillig ein Nein von einer Frau akzeptiert. Beim Filmfest in Cannes im Frühjahr 2006 soll ein berufliches Treffen damit geendet haben, dass er Haleyi um eine Massage bat - diese lehnte ab.

Als es im folgenden Sommer in Weinsteins New Yorker Loft zum ersten mutmaßlichen Übergriff kommt, kann die damals 29-Jährige den großen und schweren Produzenten nach eigener Schilderung nicht mehr abwehren. In einem verzweifelten Versuch, Weinstein Einhalt zu gebieten, habe sie ihm gesagt, dass sie ihre Periode habe und einen Tampon trage, sagt Haleyi unter Tränen. Weinstein habe ihr nicht geglaubt und nur gesagt: "Wo soll das sein?" Trotz des mutmaßlichen Übergriffs habe sie versucht, weiter ein professionelles Verhältnis zu Weinstein zu pflegen und sich auf ein weiteres Treffen mit ihm eingelassen, dieses Mal in einem Hotel in Tribeca. Bei dieser Gelegenheit soll Weinstein sie laut Anklage vergewaltigt haben.

Aus Scham habe sie auch von diesem Übergriff niemandem erzählt, sagt Haleyi. Ob sie sich selbst die Schuld gegeben habe, will Staatsanwältin Meghan Hast wissen. "Für dieses Mal, ja", sagt Haleyi. "Er hatte mich überzeugt, mich wieder mit ihm zu treffen, nur um wieder das Gleiche zu tun."

Die frühere Produktionsassistentin berichtet wie schon in der Woche zuvor Sopranos-Schauspielerin Annabella Sciorra vom Bestreben, das Geschehene zu verdrängen, weiterzuarbeiten und sich mit dem mutmaßlichen Peiniger irgendwie zu arrangieren, den jahrzehntelang auch sein Status in Hollywood schützte. "Ich hatte das Gefühl, dass er mich nicht mehr mochte", sagt Haleyi. Während Sciorra ihren Auftritt vor Gericht auch als Chance zu begreifen schien, ihrem mutmaßlichen Vergewaltiger endlich auf Augenhöhe zu begegnen, wirkt Haleyi, als wolle sie während ihrer Aussage am liebsten verschwinden. Sie zieht sich immer weiter hinter die Richterbank und den vor ihr montierten Monitor zurück. Vom Platz des Angeklagten aus ist sie irgendwann kaum noch zu sehen. Und, für sie wohl wichtiger: Auch Mimi Haleyi sieht Harvey Weinstein nicht mehr.

In einem Verfahren, in dem es kaum forensische Beweise gibt und Aussage gegen Aussage steht, kommt der Glaubwürdigkeit der Zeuginnen besondere Bedeutung zu. Deshalb fragt Staatsanwältin Meghan Hast Mimi Haleyi nach ihrem Gewicht und lässt immer wieder Fotos auf den großen Bildschirm im Saal werfen, die die körperlichen Unterschiede zwischen dem Angeklagten und seinen mutmaßlichen Opfern deutlich machen. Weinstein wirkt auf den Fotos wie ein Bulle in Anzug und Krawatte. Mimi Haleyi wog damals nicht mal 50 Kilo.

Verteidiger Damon Cheronis setzt Haleyi im Kreuzverhör hart zu. Seine Fragen kommen in kurzer Abfolge, sie sollen den Juroren die Erinnerungslücken und scheinbaren Widersprüchlichkeiten aufzeigen. Cheronis zitiert aus einer E-Mail, die Haleyi Weinstein zwei Jahre nach der mutmaßlichen Begebenheit in dem Hotel in Tribeca schrieb. Sie endet mit den Worten: "Lots of love, Miriam". "Das sind doch die Worte, die Sie selbst gewählt haben?", fragt der Verteidiger die Zeugin. Haleyi bejaht. Am Freitag hatte eine Expertin für Opferverhalten erklärt, dass es für Betroffene von sexueller Gewalt durchaus normal ist, Kontakt zu ihrem Peiniger zu halten. Zumindest auf Damon Cheronis scheinen die Worte der Expertin wenig Eindruck gemacht zu haben.

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SZ vom 28.01.2020
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