Süddeutsche Zeitung

Weinstein-Einigung mit mutmaßlichen Opfern:Deal ohne Schuldeingeständnis

  • Kurz vor Beginn seines Strafprozesses wegen Vergewaltigung soll sich Harvey Weinsteins Firma mit Dutzenden Frauen geeinigt haben.
  • Laut New York Times müssen die mehr als 30 Schauspielerinnen und ehemaligen Mitarbeiterinnen 25 Millionen US-Dollar untereinander aufteilen.
  • Weinstein würde es durch den Vergleich vermeiden, aus eigener Tasche zu zahlen und müsste auch kein Fehlverhalten einräumen.

Von Januar an muss sich Harvey Weinstein in New York vor Gericht verantworten. Es wird um eine Vergewaltigung und mehrere Fälle sexueller Nötigung gehen - sofern der Termin nicht abermals verschoben wird. Dieses einzige strafrechtliche Verfahren gegen den einstigen "König Hollywoods" zeigt, wie schwierig der Weg zu Gerechtigkeit bei sexueller Belästigung und Gewalt ist. Kurz vor Beginn des langerwarteten Prozesses meldet nun die New York Times: Weinstein und das Management seines inzwischen bankrotten Filmstudios "The Weinstein Company" hätten sich vorläufig mit Dutzenden mutmaßlichen Opfern geeinigt, die bislang versucht hatten, ihn auf zivilrechtlichem Wege zur Rechenschaft zu ziehen.

Diese sollen nun 25 Millionen US-Dollar untereinander aufteilen. Dem Bericht zufolge würden 18 der mutmaßlichen Opfer gemeinsam 6,2 Millionen Dollar bekommen, Einzelpersonen würden damit nicht mehr als 500 000 Dollar zustehen. Weitere 18,5 Millionen Dollar bekämen mehrere in einer Sammelklage in New York zusammengefasste Opfer - außerdem würden auch mögliche zukünftige Klägerinnen aus diesem Topf bedient.

Weil sich die Firma, die Weinstein 2005 gemeinsam mit seinem Bruder Bob gegründet hatte, im Insolvenzverfahren befindet, waren die Ansprüche der Frauen gemeinsam mit denen anderer Gläubiger verhandelt worden. Die außergerichtliche Einigung mit mehr als 30 Schauspielerinnen und ehemaligen Angestellten würde laut Times einen Großteil der Zivilklagen gegen Weinstein beenden - noch steht allerdings die Zustimmung eines Gerichts aus. Im Anschluss müssten sämtliche Parteien die Abmachung unterzeichnen.

Die New-York-Times-Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor, die den Fall Weinstein 2017 ins Rollen gebracht hatten, berufen sich auf an den Verhandlungen beteiligten Anwälte. Weinsteins Vertreter wollten sich demnach nicht äußern - dabei wäre dieser Deal vor allem ein Erfolg für sie. Ihr Mandant wäre nicht nur finanziell aus dem Schneider. Das Geld für Weinsteins mutmaßliche Opfer müssten Versicherungen hinter der "Weinstein Company" bezahlen. Noch viel wichtiger: Der 67-Jährige muss bei diesem Deal kein Fehlverhalten zugeben.

"Besiegt und hoffnungslos"

"Ich bin nicht zufrieden, aber ich weiß nicht, wie ich ihn sonst drankriegen soll", sagte die Schauspielerin Katherine Kendall der Zeitung. Die heute 50-Jährige wirft Weinstein vor, sie 1993 unter einem Vorwand in sein New Yorker Appartement gelockt zu haben. Dort, so Kendall, habe sich ihr ein nackter Weinstein aufgedrängt und sie durch die Wohnung gejagt. Für Betroffene wie Kendall ist der zivilrechtliche Weg oft die einzige Option: Sexuelle Belästigung ist nach US-Recht zwar justiziabel und Betroffene können Schadensersatz verlangen - aber es ist kein Crime, also Straftatbestand. In anderen Fällen wären die Weinstein zur Last gelegten Taten strafrechtlich verjährt gewesen.

Dass sich manche Frauen nun mit einem Ergebnis zufriedengeben, das für sie bitter sein muss, hat wohl vor allem mit fehlenden Alternativen zu tun. Im vergangenen Jahr waren Verhandlungen über einen möglichen 90-Millionen-Dollar-Opferfonds geplatzt, unter anderem weil der damalige New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman plötzlich selbst im Mittelpunkt eines Me-too-Skandals stand. Auch Gerüchte, Weinstein selbst könnte demnächst in die Privatinsolvenz gehen und die Verhandlungen dadurch noch komplizierter werden, hatten zuletzt für Unruhe gesorgt.

Das ehemalige Model Zoe Brock, das Weinstein der sexuellen Belästigung während des Filmfests Cannes 1998 bezichtigt, sagte der Times, sie fühle sich "besiegt und hoffnungslos". Mindestens zwei Frauen, deren Klagen zunächst mitverhandelt worden waren, wollen sich ihren Anwälten zufolge nicht mit dem Deal zufriedengeben. Und auch die Schauspielerin Ashley Judd - eine der prominentesten Anklägerinnen Weinsteins - will es auf einen Zivilprozess ankommen lassen.

56 Verstöße gegen die Kautionsauflagen

Dass auch ein Harvey Weinstein nicht über dem Gesetz steht und die Konsequenzen für sein Verhalten tragen muss, hatte jüngst James Burke deutlich gemacht, Richter im anstehenden New Yorker Strafprozess. Er erhöhte am Mittwoch die Kaution für Weinstein auf fünf Millionen US-Dollar, zu hinterlegen in bar.

Als Begründung hieß es, Weinsteins Fußfessel sei mindestens 56 Mal nicht zu orten gewesen. Er soll versucht haben, sich einer Überwachung zu entziehen, indem er absichtlich das Gerät zu Hause ließ, durch das die Fußfessel aktiviert bleibt. Weinsteins Anwälte sprachen von "technischen Fehlern".

Der 67-Jährige kam mit einer Gehhilfe ins Gericht in Manhattan. Dem Magazin Variety zufolge muss Weinstein sich nach einem Autounfall im August einer Rücken-Operation unterziehen. Der Prozessauftakt soll deshalb aber nicht in Gefahr sein.

(Mit Material der Agenturen)

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