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Berliner Weihnachtsmarkt:Eine Festung auf dem Breitscheidplatz

  • In Berlin ist der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz eröffnet worden.
  • Der Terrorist Anis Amri hatte dort vor zwei Jahren mit einem Lastwagen einen Anschlag verübt. Insgesamt zwölf Menschen kamen ums Leben, mehr als 70 wurden verletzt.
  • Mehrere schwere Metall- und Betonkonstruktionen sperren den Platz dieses Mal ab und sollen so für Sicherheit sorgen.

Zwei Schutzwälle rahmen den Berliner Breitscheidplatz ein wie Mauern eine Burg. Der erste besteht aus grauem Beton. Den zweiten bilden geflochtene Körbe aus Stahldraht, gefüllt mit Sand, drei bis fünf Tonnen schwer. An den wenigen Stellen, wo sich Lücken auftun, ragen Säulen aus dem Boden. Dahinter, im geschützten Inneren, steht Michael Müller (SPD), der Regierende Bürgermeister von Berlin.

Montagabend, kurz nach 18 Uhr. Müller ist hier, um den diesjährigen Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zu eröffnen. Die Menschen um ihn herum trinken Glühwein und essen Bratwurst. Müller probiert beides, nickt zur Bestätigung, dass es ihm schmeckt. Aber Müller will auch über die Schutzmauern reden, die sich schemenhaft zwischen den Buden abzeichnen. Er sagt: "Ich glaube, dass erwartet wird, dass wir auf die besondere Sicherheitslage reagieren." Besondere Zeiten, besondere Maßnahmen. Das sei leider so.

Es ist fast zwei Jahre her, seit der Attentäter Anis Amri einen Lastwagen in die Menge steuerte, insgesamt zwölf Menschen tötete und 70 verletzte. Amri hatte damals freie Bahn. In diesem Jahr dürfte es keinen Weihnachtsmarkt in Deutschland geben, der vor "Überfahrttaten", wie es im Sicherheitsbehördensprech heißt, aufwendiger geschützt ist. Die Berliner Senatsverwaltung für Inneres hat zu Jahresbeginn eine Projektgruppe gegründet mit Experten, Polizei und Feuerwehr. Es geht um die Frage, wie sich öffentlicher Raum schützen lässt. Eine erste Antwort soll der diesjährige Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz geben.

Seit Tagen laufen die Vorbereitungen, Straßen waren zwischenzeitlich komplett gesperrt, auf dem Kurfürstendamm, der Tauentzienstraße und der Budapester Straße dürfen teilweise nur noch öffentliche Busse fahren. Die Hälfte der Straße ist Knautschzone. Die Sperren stehen daher weiter weg von den Buden als in den vergangenen Jahren und sie sind miteinander verbunden. Das verspricht noch mehr Stabilität. Man habe aufgeboten, was machbar sei, sagt ein Sprecher der Senatsverwaltung. Einen 40-Tonner, wie Amri ihn fuhr, soll die Konstruktion stoppen können. "Es ist ein Thema, mit dem sich alle europäischen Hauptstädte beschäftigen müssen", findet Müller.

Der Anschlag von vor zwei Jahren hat etwas verändert im öffentlichen Bewusstsein. Feste sind nicht mehr nur Orte der guten Laune, sondern auch Gefahrenzonen. Lastwagen nicht mehr Fahrzeuge, sondern Waffen. Wenige Monate vor dem Breitscheidplatz war ein Attentäter in Nizza die Strandpromenade entlang gerast, 86 Tote, mehr als 400 Verletzte. Amri ging nach derselben Methode vor. Seitdem sieht man überall diese grauen Betonsperren, sie stehen selbst auf den Zufahrtsstraßen zu kleinen Dorffesten. Die Blöcke vermitteln den Eindruck von Stabilität. Kracht aber ein Lkw dagegen, wie in Testvideos zu sehen, dann schlittern sie über den Boden wie Bausteine.

2,5 Millionen Euro wurden für Sperren, Poller und Zäune ausgegeben.

Trotzdem: Das Thema treibt die Veranstalter um. In Bochum wird in diesem Jahr die Zufahrt zur Innenstadt mit 86 Wassersäcken versperrt, die herkömmlichen Sandsäcke werden abgelöst. In Duisburg gibt es neue Betonstelen und feste Poller. Aber eine Festung wie auf dem Breitscheidplatz, das ist eine neue Dimension. 2,5 Millionen Euro wurden für Sperren, Poller und Zäune ausgegeben. Der Bürgermeister spricht am Montag davon, Schutz zu organisieren, soweit es gehe. Gerade hier, wo auf den Stufen vor der Gedächtniskirche die Bilder der Opfer stehen und Kerzen angezündet werden. "Es ist ein besonderer Ort, eine besondere Zeit."

Besondere Zeit? Wenn man Frank Hilbricht fragt, könnte man auch einen anderen Eindruck bekommen. Hilbricht ist Polizeioberrat, Dozent für Einsatzlehre, und hat als solcher einen eher nüchternen Blick auf die Dinge. Auf einem Weihnachtsmarkt, sagt er, "ist genau ein einziges Mal etwas passiert". Was sehr wenig sei verglichen mit den sehr vielen Weihnachtsmärkten, die im ganzen Land stattfinden. Statistisch gesehen lebe jeder Verkehrsteilnehmer deutlich gefährlicher. Trotzdem würden die meisten ohne zu Zögern ins Auto steigen. "Subjektive Sicherheit" nennt Hilbricht das. Daten und Statistik haben hier keine Chance. Deswegen sei diese Sicherheit aber nicht weniger schützenswert.

Es macht daher für Hilbricht durchaus Sinn, Weihnachtsmärkte demonstrativ zu schützen. Er findet aber auch, dass man schon aufpassen müsse, nicht zu überziehen. Wer Sicherheit schaffen will, balanciert immer auf einem schmalen Grat. Sorgt die Maschinenpistole in der Hand des Polizisten noch dafür, dass sich ein Besucher bei seinem Glühwein sicher fühlt? Oder trinkt er schneller aus, weil der Polizist die Waffe bestimmt nicht ohne Grund dabei hat? Außerdem dürfe man sich keinen Illusionen hingeben: "Es ist nicht alles beherrschbar." Was, wenn der Täter ein Messer benutzt? "Wir müssen ein Restrisiko akzeptieren", sagt Hilbricht. Etwas Ähnliches sagt auch der Regierende Bürgermeister Müller auf dem Breitscheidplatz.

Dort schieben sich am Montag schwer bewaffnete Polizisten durch die Menge. Andere Beamte tragen zivil. Wie viele es sind, bleibt geheim. Müller hat sich hinausgewagt aus der Burg und betrachtet den Schutzwall. Man hat leuchtende Sterne zur Zierde auf die Drahtkörbe gesteckt und davor eine große Plane gespannt. Sie zeigt eine große, lange Schleife. Der Schutzwall ist als Geschenk verpackt.

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Einem Bericht zufolge soll der Geheimdienst selbst "operative Maßnahmen" im Fall Anis Amri veranlasst haben. Verfassungsschutzchef Maaßen hatte stets von einem "reinen Polizeifall" gesprochen.