Weihnachtsartikel im September:Auf die Plätzchen, fertig, los!

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Der Advent beginnt zum Herbstanfang. Verbraucherschützer finden das ganz und gar nicht mehr feierlich.

Titus Arnu

Ja, ist denn heut schon Weihnachten? Kaum ist man aus dem Sommerurlaub zurück, begrüßen einen diese widerlichen winterlichen Konsumterrorzwerge im Supermarkt. Unter der Verkaufsbezeichnung "Hohlfigur" unterwandert der Weihnachtsmann von September an die Läden und verschanzt sich hinter Wänden aus Dominosteinen und Lebkuchen.

Weihnachtsartikel im September: Herbst 2006: In den Schokoladenfabriken läuft bereits die Produktion von Schokoladenosterhasen an.

Herbst 2006: In den Schokoladenfabriken läuft bereits die Produktion von Schokoladenosterhasen an.

(Foto: Foto: ddp)

Jährlich werden in Deutschland fast 100 Millionen Schoko-Weihnachtsmänner hergestellt. Ein Rekord, der nur vom Osterhasen übertroffen wird. Dessen Saison beginnt kurz nach Neujahr, nachdem die Silvester-Produkte abgeräumt sind.

Die Kuschelrock-Radiosender schalten Ende September vom offiziellen Sommerhit (dieses Jahr: "Hips don't lie" von Shakira) auf Advent um und gehen dazu über, ihre Hörer systematisch mit "Last Christmas" von George Michael zu quälen. Mobilfunkanbieter preisen vom Frühherbst an Weihnachts-Sonderpakete an, die sich nur durch die feierliche Umverpackung von Sommerpaketen oder Urlaubspaketen unterscheiden. Man hat irgendwie das Gefühl, dass die ganze Zeit Weihnachten, Ostern und Geburtstag ist, und zwar gleichzeitig.

In der Obst- und Gemüseabteilung eines durchschnittlichen Supermarktes ist schon lange keine Jahreszeit mehr zu erkennen. Saisonfrüchte sind nicht mehr zu finden. Das ganze Jahr über liegen Trauben, Erdbeeren und Orangen bereit.

Noch vor 20 Jahren gab es frische Tomaten nur im Hochsommer, mittlerweile werden sie selbst im Februar angeboten. Dank ausgefeilter Kühlungsstrategien und aufwendiger Transporte gibt es Sommerfrüchte im Winter und Winterfrüchte im Sommer zu kaufen. "Der Anbau von Gemüse und Obst zum Beispiel in Spanien führt zu einem immensen Wasserverbrauch - das ist ökologisch bedenklich", sagt Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch.

Die Verbraucher wollen frische Früchte - auch im Winter

Äpfel aus Neuseeland, Trauben aus Südafrika und Avocados aus Israel - das kommt vielen Verbrauchern unsinnig und unökologisch vor. Wie die Ökobilanz der importierten Früchte tatsächlich ausfällt, ist fraglich. "Der Neuseeland-Apfel ist nicht zwangsläufig schlechter als der Bioapfel aus der Region", sagt Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. Denn wenn Obst in großen Mengen importiert werde, könne der Treibstoffverbrauch pro Apfel geringer sein als beim Bioapfel aus der Region.

Kürzer transportierte Freilandsalate und Gemüse enthalten oft mehr Vitamine als Lebensmittel, die lange mit dem Lkw unterwegs sind.

Andererseits wollen die Verbraucher auch eine möglichst reichhaltige Palette frischer Früchte, möglichst auch im Winter. "Das Angebot wird immer größer, neue Liefergebiete kommen dazu und die Ansprüche der Konsumenten steigen", hat Thomas Mosimann festgestellt, Professor am Geografischen Institut der Universität Hannover, der ein Forschungsprojekt zum Thema "Sommerfrüchte im Winter" betreut hat.

Die Jahreszeiten verschwimmen nicht nur beim Einkaufen. In Deutschland kann man im Sommer Skifahren und im Winter unter Palmen baden. In der Skihalle Neuss finden Winterfans laut Eigenwerbung "optimale Schneebedingungen bei konstant erfrischenden -4 Grad Celsius." Das überdachte Wintersportgebiet wirbt mit dem Versprechen "365 Tage Piste, Party, Pulverschnee". Wer sich im tiefsten Winter bei -4 Grad Celisius nach schwüler Luft sehnt, kann sich den Sommer einfach kaufen - für 18,50 Euro pro Tag im Spaßbad.

Im Pseudo-Paradies "Tropical Islands" etwa, einer gigantischen Sommersimulation 60 Kilometer südlich von Berlin, herrschen ganzjährig 25 Grad. Die Sehnsucht der Deutschen nach Sonne ist groß, etwa zwölf Millionen Menschen legen sich regelmäßig auf die Brutzelbank. Nach Angaben des Verbandes Solarien und Besonnung lag der Umsatz in den Sonnenstudios im vergangenen Jahr bei einer Milliarde Euro.

Organisierter Protest gegen den Weihnachtsmann im Herbst

Weitaus mehr Geld soll der auf September vorgezogene Advent bringen. Aber gegen den Weihnachtswahnsinn regt sich organisierter Protest. Verbraucherschützer kritisieren alle Jahre wieder, dass es neben der letzen Grillkohle schon Spekulatius gibt. Mechthild Winkelmann von der Verbraucherzentrale NRW meint, dass das Angebot erst die Nachfrage erzeugt: "Wenn Kinder beim Einkaufen über Dominosteine stolpern, wollen sie die dann auch haben."

Statt Kaufwut kann sich beim Konsumenten aber eine Art Weihnachtswischi-waschi einstellen, eine Wurstigkeit, die der Konjunktur eher schadet als nützt. Denn wenn alles immer und überall verfügbar ist, wird einem bald auch alles egal.

Die Mehrheit der Deutschen lehnt einer Umfrage zufolge den Verkauf von Weihnachtsartikeln im September ab. 80 Prozent von 1004 Befragten wollen nicht schon im Oktober oder noch früher Lebkuchen oder Schoko-Nikoläuse in den Regalen sehen, heißt es in einer Emnid-Umfrage. 45 Prozent der Deutschen erwarten Weihnachtsprodukte frühestens am 1. Advent.

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