Süddeutsche Zeitung

Web-Zensur in der Türkei:Herr Oktar und das Internet

Der türkische Kreationist Adnan Oktar lässt landesweit von Gerichten Webseiten sperren, die seine Botschaft kritisieren - mit wachsendem Erfolg.

Adnan Oktar trägt gerne Anzüge aus weißer Seide und glaubt, dass das Ende der Zeiten bevorsteht. Vorher, findet er, gehört noch einiges klargestellt. Deshalb schreibt er Bücher unter dem Pseudonym Harun Yahya, mehr als 200 an der Zahl sind bislang erschienen. Seine Botschaft: "Wenn es eine Evolution gegeben hätte, dann stünde sie im Koran."

Der Darwinismus, meint Oktar, ist von Übel; unter anderem ist er schuld an Kommunismus, Freimaurertum und Terrorismus. Der Türke Oktar sieht sich als Speerspitze der muslimischen Kreationisten: Gott, nicht die Evolution hat uns erschaffen.

Kritikern den Mund verbieten

Kritikern im Internet lässt er gern den Mund verbieten. Von türkischen Gerichten, die einige Übung in der Zensur haben. Innerhalb von einer Woche fielen nun gleich zwei prominente Webseiten dem Gespann Oktar-Justiz zum Opfer: die des britischen Biologen und Bestsellerautoren Richard Dawkins ("Der Gotteswahn"), und die der türkischen Lehrergewerkschaft Egitim Sen.

Während der atheistische Missionar Richard Dawkins die Zensur auf seiner eigenen Webseite mit Stolz vermeldet ("Banned in Turkey!"), lassen die Fälle die türkischen Internetbenutzer noch frustrierter zurück: Selbst so populäre Seiten wie Youtube oder Geocities sind für Türken seit Monaten gesperrt.

Mal beschwert sich der eine Staatsanwalt über die Beleidigung von Republikgründer Atatürk, mal ist einem anderen zu viel Sympathie für die kurdische Sache zu erkennen.

Das Problem sind Gesetze, die der Meinungsfreiheit kaum, Richtern hingegen viel Spielraum geben: Jedes lokale Gericht kann über jede beliebige Webseite einen landesweite Sperre verhängen. "Natürlich ist das frustrierend für uns", sagt Ebru Capa, Chefredakteurin der Webseite des Nachrichtensenders NTV: "Die Gesetze sind zu schwammig. Sie funktionieren nicht."

Dass sich irgendwo immer ein williger Richter findet, versteht keiner so gut für sich zu nutzen wie Adnan Oktar, der einen Kreis von - meist wohlhabenden - Jüngern um sich geschart hat. Von Gerichten sperren ließ Oktar die Webseite des in Amerika lebenden Reformmuslims Edip Yüksel, der Oktars Gruppe "die türkische Version von Scientology" nennt, ebenso wie den populären Bloggerdienst "Wordpress" - mit dem Nebeneffekt, dass Tausende von Türken ihre eigenen Blogs nicht mehr erreichten.

"Atemberaubend hirnverbrannt"

Im Falle Richard Dawkins versuchten Oktars Jünger schon die Veröffentlichung von Dawkins "Gotteswahn" in der Türkei zu verhindern. Vergeblich, das Buch ist auch hier ein Bestseller. Erfolg vor Gericht hatten sie erst jetzt, als Dawkins auf seiner Webseite über Oktars "Atlas der Schöpfung" schrieb, ein Manifest gegen die Evolution, das Oktar an Schulen und Journalisten in ganz Europa verschickt.

Dawkins nannte den Fotowälzer "atemberaubend hirnverbrannt". Die Lehrergewerkschaft hatte das Buch, das auch an alle türkischen Schulen geht, ebenfalls scharf kritisiert. "Wir verteidigen immer die Meinungsfreiheit", sagte Seda Aral, die Sprecherin von Oktar, der SZ: "Aber auf den Webseiten sind viele Beleidigungen gegen uns. Sie sind zu weit gegangen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.711651
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 27.09.2008
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.