Süddeutsche Zeitung

Waldbrände:"Katastrophe. Hier brennt alles."

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In Brandenburg und Sachsen stehen Wälder in Flammen, nahe Ortschaften müssen evakuiert werden. Trockene Böden, die Hitze, aber vor allem starke Winde erschweren die Arbeit der Feuerwehr.

Von Jan Heidtmann, Berlin, und Iris Mayer, Leipzig

Es sind apokalyptisch anmutende Bilder, die diese Brände im Osten Deutschlands produzieren. In der hinteren Sächsischen Schweiz steigen Hunderte Meter hohe Rauchsäulen inmitten des Nationalparks auf; im südlichen Brandenburg wiederum umringen Flammen ein Dutzend Windräder in einem Wald. Nahe dem Ort Kölsa verschwinden Feuerwehrwagen in den dichten Rauchschwaden; nicht weit entfernt frisst sich eine Flammenwand immer näher an eine Anlage zur Ferkelaufzucht heran. Viele der Tiere ersticken oder verbrennen jämmerlich. Das Feuer "komplett zu löschen, wird wahrscheinlich noch Wochen dauern", sagte Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen bei einem Besuch am Dienstag.

Es sind die bislang größten Waldbrände in diesem Jahr, vor allem, was Brandenburg betrifft. "Katastrophe. Hier brennt alles. Hunderte Einsatzkräfte vor Ort. Lage völlig außer Kontrolle", schrieb die Feuerwehr der nahen Stadt Falkenberg/Elster noch am späten Montagabend auf Facebook. Seitdem hat sich der Brand auf 850 Hektar Wald ausgeweitet, in Fußballfeldern gerechnet wären das um die 1200.

Der Landkreis Elbe-Elster hat eine sogenannte Großschadenslage ausgerufen und zog Feuerwehrleute aus dem gesamten Bundesland zusammen. 480 Einsatzkräfte kämpfen derzeit mit rund 90 Fahrzeugen gegen die Flammen, heißt es beim Landkreis. Sieben Feuerwehrleute seien dabei verletzt worden. Im Verlauf des Dienstags trafen zusätzlich fünf Hubschrauber der Bundeswehr ein, die das Feuer aus der Luft löschen sollen. Das nötige Wasser nehmen sie aus einem Badesee in einem nahen Erholungsgebiet auf, der für Besucher gesperrt wurde. Außerdem schickte die Bundeswehr Pionierpanzer, um Schneisen in den Wald zu schlagen.

Dramatisch war die Lage vor allem für die Menschen in den umliegenden Orten. Rund 700 Einwohner in Rehfeld und Kölsa sind bereits in Sicherheit gebracht worden. Nachdem sich die Lage im Laufe des Dienstags leicht entspannte, durften die Menschen wieder in ihre Häuser zurückkehren. Doch Entwarnung wollte deshalb noch niemand geben. "Alles steht und fällt mit der Wetterlage", sagt Kreissprecher Torsten Hoffgaard. Angekündigt waren sturmartige Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometern pro Stunde. Sie könnten das Feuer jederzeit weiter anfachen.

Mehrere Brandbeschleuniger: Trockenheit, Hitze und starker Wind

In Brandenburgs Wäldern hat es in diesem Jahr schon mehr als 380 Mal gebrannt. Doch die dabei verwüstete Fläche ist insgesamt kaum größer als die nun vom Brand betroffene. "Das Feuer hat eine sehr massive Ausbreitung", sagt der stellvertretende Waldbrandschutzbeauftragte Philipp Haase. Der Grund dafür sei, dass mehrere Brandbeschleuniger aufeinanderträfen: trockene Böden, Hitze und Starkwinde. Wenn dies alles zusammenkomme, so Haase, "dann kriegen sie ein Feuer kaum noch eingedämmt".

Aber nicht nur in Brandenburg, auch im angrenzenden Sachsen wüten die Feuer. Dort fressen sich die Flammen bereits seit Sonntagabend durch die Böhmische und die Sächsische Schweiz. Am Dienstag rief der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge für das Gebiet um das Ausflugsziel Bad Schandau Katastrophenalarm aus. Für den gesamten Landkreis wurde am Nachmittag ein Waldbetretungsverbot verhängt: "Das Betreten des Waldes einschließlich aller Waldwege ist untersagt. Es besteht Gefahr für Leib und Leben", so das Landratsamt. Der Löscheinsatz werde noch mehrere Tage dauern. Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) kündigte an, seinen Urlaub abzubrechen. Umweltminister Wolfram Günther von den Grünen sagte: "Dieser Waldbrand ist eine Tragödie für die Region und für alle Menschen, die vom Tourismus leben."

Auf tschechischer Seite brannten beim beliebten Touristenort Hřensko 30 Hektar Wald, die Einwohner mussten ihre Häuser verlassen. Im nahegelegenen Dorf Mezná wurden mehrere Häuser durch das Feuer zerstört. In der Nacht zum Dienstag wurden im Grenzgebiet 70 Kinder und Erzieher aus einem Ferienlager in Sicherheit gebracht, verletzt wurde niemand.

Nach Angaben des Landratsamts in Pirna sind seit Montagnachmittag in der Region 250 Einsatzkräfte am Werk, die von Hubschraubern der Landes- und der Bundespolizei unterstützt werden, zusätzlich sind zwei Wasserwerfer der Polizei im Einsatz. Am Großen Winterberg gab es mehrere Brandherde, die Löscharbeiten waren wegen des unwegsamen Gebietes besonders schwierig. Marc Henkenjohann betreibt genau dort einen Imbiss für Wanderer und macht sich große Sorgen. Vor allem, weil er selbst gerade nichts tun kann. "Es scheint wirklich ernst zu sein", sagt er am Telefon aus dem Urlaub in Mallorca, "ich erreiche einfach niemanden beim Landkreis." So bleibe ihm nur, zu hoffen, dass die Feuerwehren die Lage bald in den Griff bekämen.

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