Waffengewalt Thousand Oaks kann überall sein

In Thousand Oaks gedenken Einwohner und Angehörige der Opfer, die am Mittwoch im „Borderline“ starben.

(Foto: Apu Gomes/AFP)

Verstörende Routine: Nach der Schießerei in einer der sichersten Städte der USA, bei der dreizehn Menschen starben, wird deutlich, wie sehr sich das Land an Katastrophen wie diese gewöhnt hat.

Von Jürgen Schmieder, Thousand Oaks

Hier, an der amerikanischen Westküste, eine halbe Autostunde nordwestlich von Los Angeles, sind 96 Prozent der 130 000 Einwohner einer kürzlich veröffentlichten Umfrage zufolge zufrieden mit ihrem Wohnort. Hier, in einer der laut FBI sichersten Städte der USA, lebt, wer Ruhe sucht vom Trubel der Metropole und das Borderline im Rolling Oaks Drive ist eine dieser gemütlichen Kneipen, in denen man sich auf ein Bier trifft oder Formationstanz übt. Am Mittwochabend hat hier der frühere Soldat David Long, selbst Stammgast im Borderline, zwölf Menschen und sich selbst erschossen. Warum, ist noch unklar.

Longs Waffe, eine Großkaliberpistole, hatte sich der 28-Jährige, der nahe der Kneipe im Haus seiner Mutter lebte, legal gekauft. Das erweiterte Magazin, das er verwendete, ist in Kalifornien verboten - unklar, woher er es sich besorgte. "Es hörte sich zunächst an, als hätte jemand Feuerwerksknaller gezündet", sagt Nellie Wong, die im Borderline ihren 21. Geburtstag gefeiert und sich während der Schießerei hinter Stühlen versteckt hat: "Ich werde dieses Geräusch in meinem Leben nicht vergessen: Bamm! Bamm! Bamm!"

Es ist das Geräusch, das beim Abfeuern einer Glock 21 entsteht. Und erinnert an die Berichte vom Oktober vergangenen Jahres, als ein Attentäter in Las Vegas 58 Besucher eines Festivals getötet hat. Zeugen erzählten vom Geräusch, das sie nie vergessen würden: "Rrrrrrrr". Das Geräusch, wenn Sturmgewehre mit Schnellfeuerkolben (Bump Stock) feuern.

Noch schockierender als die Tatsache, dass ein derart schreckliches Verbrechen an einem derart vermeintlich sicheren Ort passiert, ist die Routine im Umgang damit

Unter den Todesopfern von Thousand Oaks ist der New York Times zufolge auch ein Mann, der das Massaker in Las Vegas überlebt hatte. Seine Mutter sagte: "Er hat es durch Las Vegas geschafft, er kam nach Hause. Und gestern Abend ist er nicht nach Hause gekommen."

Geoff Dean, Sheriff von Thousand Oaks, sagt: "Es gibt überall Leute, die nicht richtig sind im Kopf, und die begehen solch entsetzliche Verbrechen wie dieses." Heißt: Hier, das kann überall sein in den USA. "Das passiert nirgendwo anders auf diesem Planeten, das dürfen wir nicht vergessen. Wir dürfen nicht zulassen, dass das der Normalzustand wird", sagt Gavin Newsom, am Dienstag zum Gouverneur von Kalifornien gewählt und Advokat schärferer Waffengesetze. Allein in den vergangenen zwei Wochen gab es in den USA vier Schießereien. Dem Gun Violence Archive zufolge gab es in diesem Jahr bislang 307 Vorfälle mit je mehr als zwei Verletzten, Todesopfer: 329.

Noch schockierender als die Tatsache, dass ein derart schreckliches Verbrechen an einem derart vermeintlich sicheren Ort passiert, ist die Routine im Umgang damit. Ein Mädchen zum Beispiel hat sich hinter einem Tisch versteckt und ist dann durch ein Fenster gesprungen. Nun steht ihr Vater vor TV-Kameras und berichtet stolz, dass er seiner Tochter beigebracht habe, wie sie sich bei einer Schießerei verhalten solle. Die USA sind inzwischen ein Land, in dem Eltern ihren Kindern nicht nur Lesen und Ballfangen vermitteln, sondern auch das Verhalten bei Schießereien.

Wer Thousand Oaks verlässt und nach Hause kommt in eine Kleinstadt im Süden von L. A., die ebenfalls als eine der sichersten in den USA gilt, liest am Donnerstagnachmittag diese Mail von der Rektorin der Grundschule, es geht um die Vorbereitung auf und den Umgang mit solchen Schießereien, darin Sätze wie: "Achtet darauf, ob jemand eine Waffe bei sich hat." Oder: "Es gibt keine Garantie, dass niemals etwas Schreckliches passieren wird." Es gibt an dieser Schule nicht nur regelmäßige Übungen zum Verhalten im Falle von Erdbeben oder Tsunamis, sondern auch zum sogenannten Lockdown, dem Verschanzen im Klassenzimmer bei Gefahr. Thousand Oaks, das kann überall sein in den USA.