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Waffenbesitzer in USA:Freiheit, die sie meinen

Pistolen und Gewehre als fester Bestandteil der Kultur: Warum wir das Verhältnis der Amerikaner zu Feuerwaffen nicht verstehen - das aber gerade in einem Wahljahr tun sollten.

Der Herr von der National Rifle Association war nicht nur außerordentlich freundlich, er war auch sehr hilfreich. Auf die Frage, ob man denn im Rahmen einer Recherche nicht die Funktionsweise einer halbautomatischen Pistole erklärt bekommen und so ein Ding auch einmal ausprobieren könne, antwortete er, das ginge ja nur, wenn man Mitglied im Verein sei. Aber hier könne man sofort den Antrag für eine halbjährige Mitgliedschaft stellen.

WAffen in den USA; Kyle Cassidy; Bewaffnetes Amerika

"Es gibt einem das Gefühl von Sicherheit im eigenen Haus": Jennifer, Chris und Daniel aus Washington.

(Foto: Foto: Kyle Cassidy)

Zehn Dollar Beitrag müsse man bezahlen, zuzüglich der Leihgebühr für eine Handfeuerwaffe. Neben das Formular legte er eine Beretta Modell 92FS mit Rahmen und Ladeschlitten aus rostfreiem Stahl, dazu eine Schachtel mit Parabellum-Munition vom Kaliber neun Millimeter. Zu den Schießständen gehe es da hinten lang...

Die National Rifle Association (NRA) wurde im Jahr 1871 von Colonel William Church und General George Wingate in New York gegründet, von zwei Veteranen des amerikanischen Bürgerkrieges, die angesichts der lausigen Treffsicherheit ihrer Soldaten "die Schießkunst auf wissenschaftlicher Basis fördern und verbessern" wollten. Heute befindet sich ihr Hauptquartier in Fairfax, Virginia, und sie zählt nach eigener Auskunft fast drei Millionen Mitglieder. Die 50.000 Ausbilder der NRA weisen jedes Jahr rund 750.000 Amerikaner in den Umgang mit Feuerwaffen ein. Dazu gehören Zielsicherheit, Pflege und Lagerung.

Nach gängigen europäischen Auslegungen handelt es sich bei der NRA je nach politischer Couleur entweder um den Dachverband der amerikanischen Sportschützen, um die Lobby der amerikanischen Waffenindustrie oder um einen Haufen schießwütiger Fanatiker. Alle drei Definitionen haben ihre Richtigkeit. Keine trifft den Kern der Sache, der erklären würde, warum die NRA gerade in einem Jahr, in dem Amerika einen Präsidenten wählt, so wichtig ist. Es ist auch nicht ganz einfach nachzuvollziehen.

70 Millionen Amerikaner besitzen eine Schusswaffe. Aber eben nicht, weil sie schießwütig sind, sondern weil Waffen fester Bestandteil der Kultur Amerikas sind. Deswegen sind die Bilder, die Kyle Cassidy von amerikanischen Normalbürgern und ihren Waffen gemacht hat, so brillant. Er zeigt die Normalität in einem Land unter Waffen.

Auch im New Yorker Gun & Rifle Club standen brave Bürger an den Schießständen, Damen und Herren, meist mittleren Alters. Da fand man sich in so einem schlauchförmigen Keller mit Betonwänden und Abtrennungen aus Sperrholz, wie man ihn schon Hunderte Male in Polizeifilmen gesehen hat. Es roch nach Moder, Stein und Schießpulver.

Als humanistisch gebildeter Europäer zögerte man erst einmal, wog die zweieinhalb Pfund schwere Waffe in der Hand, schob das Stangenmagazin mit fünfzehn Kugeln ein und legte dann doch auf die lebensgroße Schwarzweißzeichnung eines Finsterlings an, der seinerseits auf einen zielte. Sorgfältig folgte man den Anweisungen des freundlichen Herrn von der NRA, atmete ruhig aus dem Zwerchfell, brachte Kimme und Korn in eine Linie und löste den Schlaghammer aus.

Bildband von Kyle Cassidy

Bewaffnetes Amerika