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Voyeurismus:So ein depperter Tod

Ein Buch würdigt das "Illustrierte Wiener Extrablatt" und seine zahlreichen Darstellungen ganz alltäglicher Schicksalsschläge.

Von Martin Zips

Bereits morgen könnte es schon wieder vorbei sein, mit dem Leben. Deshalb erschrickt man ja so fürchterlich, wenn man irgendwo ein Unglück sieht - egal, ob bei Youtube oder auf der Autobahn. Das hätte auch mich treffen können! Oder dich. Oder wen auch immer. Die Vergänglichkeit, die Vanitas, sie ist allgegenwärtig. Wie schnell könnte man ebenso enden wie der arme Schneiderlehrling Löffelmann, der sich im Juli 1897 auf einem Jahrmarkt in Atzgersdorf ausgelassen eine Freifahrt auf der Schiffsschaukel gönnte. Mit den Händen hängte er sich von außen an das Fahrgeschäft und übersah dabei den eisernen Nagel, der sich mitten im fröhlichen Auf und Ab des Lebens in seinen Hals bohrte. Löffelmann, 16, verstarb noch an der Unfallstelle.

Dass man heute noch den exakten Hergang seines tragischen Malheurs kennt, das ist dem Illustrierten Wiener Extrablatt zu verdanken. Von 1872 bis 1928 erschien die Gazette regelmäßig und protokollierte mehr als 20 000 alltägliche Dramen in Wort und Bild, meist detailreich von Hand gezeichnet. Das Blatt war ein "Memento mori" des beginnenden Medienzeitalters, eine reich bebilderte Warnschrift - auch gegen den um sich greifenden Fortschrittswahn.

Auf den Zeichnungen, deren spektakulärste die Redaktion natürlich auf der Titelseite veröffentlichte, sieht man Kinder aus den Fenstern moderner Stadthäuser stürzen. Man begreift, welch absurden Gefahren sich "Bicyclisten" aussetzen: zum Beispiel, wenn sie beim Bremsen über ihre Fahrradlenker kugeln oder auf einem Ausflug ins Grüne von der kulturlosen Landbevölkerung mit Steinen beworfen werden. Das Leben ist und bleibt gefährlich, und der moderne Mensch mit seinen irren Erfindungen macht es noch gefährlicher. Also warnt die Illustrierte vor der "Dampftramway", die den fröhlichen Wiener gelegentlich nicht nur transportieren, sondern auch exekutieren kann. Sie tadelt glatten Asphalt, auf dem Pferde viel leichter ausrutschen als auf Kopfsteinpflaster. Sie rät ab von blödsinnigen Feuerwerkskörpern, wie sie beim Fest der "Ottakringer Schulfreunde" im Juli 1884 dem Eisendreher Josef Hlawaczek das Leben gekostet haben. Und immer wieder geißelt das Illustrierte Extrablatt auf seinen xylografischen Bildern das Teufelsding Automobil. Wie schnell doch landet dieses Gefährt, wie beim ersten Wiener Autounfall im August 1901, umgekehrt auf dem Trottoir.

In Bildtexten wird berichtet, wie sich die Zeichner immer wieder in lebensgefährliche Situationen begeben, nur, um das Geschehen möglichst authentisch abzupinseln. Einer von ihnen sei gerade "waschelnass" an den Zeichentisch zurückgekehrt, heißt es, wohl um die Schlagzeile "Wien am Tage des Schreckens" meteorologisch korrekt zu illustrieren. Das Smartphone war noch nicht erfunden, die Fotografie zu schwerfällig und Zeichnungen ohnehin viel gruseliger.

Bei aller Freude beim Betrachten, so mahnt der Wiener Theaterwissenschaftler und Judaist Andreas Kloner, der die besten Bilder aus dem Illustrierten Wiener Extrablatt jetzt in seinem wunderbaren Buch "Spektakuläre Unglücksfälle aus dem alten Wien" (Metro-Verlag, 19,90 Euro) zusammengestellt hat, dürfe man das tragische Schicksal der Dargestellten nicht vergessen. "Pietät und Empathie sollten diesen Menschen auch mehr als hundert Jahre später entgegengebracht werden." Da hat er recht. Bedenke also, Mensch, dass es auch dir bald so ergehen könnte wie dem armen Löffelmann auf seiner saudummen Schiffsschaukel.

© SZ vom 07.05.2015
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