Süddeutsche Zeitung

Vorwurf der Vergewaltigung:Polanski droht jetzt auch in der Schweiz Ärger mit der Justiz

  • Der Kantonspolizei Sankt Gallen liegt eine Anzeige gegen Polanski vor.
  • Die 61-jährige Münchnerin Renate Langer beschuldigt den Filmemacher, sie 1972 in einem Haus in Gstaad vergewaltigt zu haben.
  • Renate Langer arbeitete 1972 als Model und später auch als Schauspielerin.

Acht Jahre ist es her, dass Roman Polanski ein Besuch beim Zürcher Filmfestival zum Verhängnis wurde. Im September 2009 wurde der Regisseur von der Kantonspolizei Zürich verhaftet, der Vorwurf war ein altbekannter: Vergewaltigung einer Minderjährigen.

Polanski blieb wochenlang in Haft, er musste eine Fußfessel tragen und im Hausarrest in seinem Chalet in Gstaad im Kanton Bern auf die Auslieferung in die USA warten. Hintergrund ist ein Fall von 1977: Damals hatte Polanski im Haus des Schauspielers Jack Nicholson Sex mit der damals 13-jährigen Samantha Geimer.

Nachdem in der nachfolgenden Verhandlung eine Vereinbarung mit der US-Justiz platzte, ist Polanski auf der Flucht, viele Städte kommen für den preisgekrönten Regisseur nicht in Frage. Die Schweiz aber, die Polanski im Sommer 2010 nach langen Verhandlungen doch nicht auslieferte und auf freien Fuß setzte, galt für den 84-Jährigen als sicherer Ort. Das könnte sich jetzt ändern.

Der Kantonspolizei Sankt Gallen liegt eine Anzeige gegen Polanski vor. Die 61-jährige Münchnerin Renate Langer beschuldigt den französisch-polnischen Filmemacher, sie 1972 in einem Haus in Gstaad vergewaltigt zu haben. Langer war damals 15 Jahre alt. Und Polanski, der noch am Montag mit seiner Frau Emmanuelle Seigner, 51, über den grünen Teppich des Zürcher Filmfestivals schritt, könnte nun erneut in der Schweiz festgenommen werden.

Seinen Oscar konnte Polanski 2003 nicht persönlich entgegennehmen

Renate Langer, die 1972 als Model und später auch als Schauspielerin arbeitete, hatte erklärt, sie habe mit der Anzeige gewartet, bis ihre Eltern tot seien. Ihre Mutter starb vor zwei Jahren, der Vater im vergangenen Sommer, wie die New York Times berichtet. Langer, die einen kurzen Auftritt als Freundin von Baby Schimmerlos in "Kir Royal" hatte, ist die vierte Frau, die Polanski der Vergewaltigung beschuldigt. Sie sagte dem Blatt, der Regisseur habe sie zweimal vergewaltigt, einmal in Gstaad und später noch einmal in Rom. Nach dem ersten Vorfall habe er sich entschuldigt und ihr eine kleine Rolle in einem Film angeboten. Bei den Dreharbeiten sei es zu einem zweiten Übergriff gekommen.

Roman Polanski lebt derzeit in Frankreich, verbringt aber auch viel Zeit in Polen und der Schweiz. Er ist für Filme wie "Tanz der Vampire", "Rosemaries Baby" oder "Der Gott des Gemetzels" bekannt. Er wurde in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und erhielt den Oscar für die beste Regie - beides für das Holocaustdrama "Der Pianist", in dem der Regisseur, selbst Sohn jüdischer Eltern, seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs verarbeitet. Doch auch in der Anerkennung, die der Regisseur für "Der Pianist" erhielt, blieben die Vorwürfe gegen ihn stets ein Thema.

Seinen Oscar konnte Polanski 2003 nicht persönlich entgegennehmen, da er fürchten musste, in den USA wegen des Vorfalls von 1977 verhaftet zu werden. Die damals 13-jährige Samantha Geimer wünscht sich nach eigener Aussage nur noch, dass die mediale Aufmerksamkeit für den Fall aufhört. Sie hat die US-Justiz vor einigen Monaten gebeten, das Verfahren gegen Polanski einzustellen, der Richter lehnte ab.

Erst im August hatte sich eine Frau, die nur Robin M. genannt werden will, in Los Angeles an die Polizei gewandt. Ihr Vorwurf betrifft das Jahr 1973, sie war damals 16 Jahre alt. Ein weiterer, ähnlicher Vorwurf wurde 2010 von der britischen Schauspielerin Charlotte Lewis formuliert. Polanskis Anwälte hatten diese Vorwürfe stets zurückgewiesen - etwa mit dem Hinweis, dass Charlotte Lewis noch Jahre nach dem mutmaßlichen Vorfall in einem Polanski-Film mitgespielt hatte.

In der Schweiz wird nun erneut geprüft, wie man mit Polanski umgehen soll. Das Schweizer Recht erlaubt es, Jahrzehnte zurückliegende Fälle zu verfolgen. Ob die Polizei ein Strafverfahren einleitet, ist ungewiss.

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Quelle:
SZ vom 05.10.2017
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