Vorhängeschlösser an Brücken:Die Last der Liebe

Auf der ganzen Welt behängen Paare als Zeichen der ewigen Treue bekannte Brücken mit Vorhängeschlössern. Das Problem: Die Bauwerke selbst tragen schwer an dem wachsenden Gewicht. Zudem monieren Gegner die anachronistische Symbolik dieser metallenen Liebesbeweises.

Von Oliver Klasen

Liebesschlösser in Köln

Liebesschlösser in Köln an der Hohenzollernbrücke

(Foto: dpa)

Eigentlich ist ein Vorhängeschloss ein völlig unromantischer Gegenstand. Zu kaufen für wenige Euro in einem Baumarkt, dient er meist dazu, muffige Kellerabteile oder Umkleidespinde zuzusperren. Doch seit einigen Jahren können sich die Hersteller über neue Absatzmärkte freuen. Längst bieten sie nicht mehr nur schlichte Standardmodelle an, sondern auch Exemplare in leuchtendem Rot und mit Herzchen-Motiven. Denn Zehntausende Paare auf der ganzen Welt finden seit Jahren wachsenden Gefallen daran, im Namen der Liebe solche Vorhängeschlösser an Brücken anzubringen.

Auf dass die Verbindung ewig hält, werfen sie den Schlüssel dann in das darunterfließende Gewässer. Und wenn die verfügbaren Eisenstäbe belegt sind, macht es ihnen nichts aus, das eigene Schloss in den Bügel eines anderen einzuhaken. So entstehen riesige, stetig wuchernde Schlösserteppiche. Zu beobachten ist das Phänomen, das ursprünglich aus Italien kommt, inzwischen an der Brooklyn Bridge in New York genauso wie in vielen deutschen Städten und sogar an der Chinesischen Mauer.

Nüchterne Argumente gegen die Liebesschlösser

Die durchaus zahlreichen Kritiker des ausufernden Brauchs bezogen sich bisher vor allem auf ästhetische Erwägungen - schließlich verstellen die Schlösser die Sicht auf historisch wichtige Bauwerke. Zudem monieren Gegner die vordergründige wie anachronistische Symbolik. Ein Paar, auf ewig symbolisch aneinandergekettet, in einer Symbiose, aus der es kein Entrinnen gibt, weil der Schlüssel auf dem Grund eines Flusses liegt - kann das Liebe sein? Doch nun gibt es neben solch weltanschaulicher Kritik plötzlich ganz nüchterne Argumente gegen die Schlössermassen. Und diese folgen ganz einfach: der Statik.

In Paris ist wegen des Gewichts der vielen Vorhängeschlösser am Wochenende das Geländer der Pont des Arts teilweise zusammengekracht. Erdrückt von der Last der Liebe. Die berühmte Fußgängerbrücke war einen Tag lang gesperrt. Die Sache mit den Schlössern habe nun endgültig "verrückte Ausmaße erreicht", sagt Bezirksbürgermeister Jean-Pierre Lecoq. Er macht sich Sorgen, dass irgendwann sogar ein Stück Brüstung abbrechen und Touristen verletzen könnte, die mit einem Boot auf der Seine unterwegs sind.

Sind die Ereignisse von Paris eine Warnung für andere Städte? In Deutschland zumindest gibt man Entwarnung. Die Brüstung der besonders zugehängten Hohenzollernbrücke in Köln etwa ist offenbar stabiler als die der Pont des Arts. Zwar schätzt die Deutsche Bahn, die für den Betrieb auf der Eisenbahnbrücke zuständig ist, dass dort mittlerweile mindestens 20 000 Liebesschlösser am Geländer befestigt sind, doch eine ernsthafte Gefahr für die Konstruktion sei das nicht.

Drei Tonnen Schloss am Brückengeländer

Ein durchschnittliches Vorhängeschloss wiegt nach Angaben des marktführenden Herstellers Abus etwa 150 Gramm. Rein rechnerisch ergibt sich für die Bahnbrücke über den Rhein so eine Belastung von drei Tonnen. Leicht verkraftbar, wenn man bedenkt, dass ein Zug meist Hunderte Tonnen wiegt. Und so lässt die Bahn die Kölner Liebespärchen gewähren - selbst wenn durch die Schlösser die Sicht auf den Dom versperrt ist.

Weit entgegengekommen ist man den Liebenden auch in Lübeck. An der dortigen Professorenbrücke hat die Stadt extra Teile der ursprünglichen Edelstahlkonstruktion gegen Ketten austauschen lassen. Der Architekt beschwerte sich und äußerte Sicherheitsbedenken, aber gegen die Liebesschloss-Lobby kam er nicht an. Jetzt lassen sich die Dinger noch leichter befestigen; Rostschäden, die entstehen können, wenn sich Metall an Metall reibt, werden vermieden. Auch am Eisernen Steg in Frankfurt am Main, an der Stadthausbrücke in Hamburg oder an der Thalkirchner Brücke in München hängen massenhaft Liebesschlösser, ohne dass dem von Seiten der jeweiligen Stadtverwaltungen wirksam Einhalt geboten würde.

Woher der Brauch kommt

Erstaunlich ist auch, dass der Brauch gar nicht aus Liebestrunkenheit, sondern aus dem Bedürfnis nach Freiheit erfunden wurde. Verschiedenen Quellen zufolge sollen Absolventen der Universität San Georgio in Florenz nach dem Ende ihres Studiums die Schlösser ihrer Umkleidekabinen an einer Brückenlaterne befestigt haben. Der Autor Federico Moccia war schließlich schuld daran, dass der Trend auf Liebespaare übergriff. An einer Laterne auf der Milvischen Brücke in Rom will er 2006 das erste Schloss aufgehängt haben, eine geschickte Aktion, um seinen gerade erschienenen Liebesroman zu promoten.

Gegen einen derart inszenierten Romantik-Overkill hilft wohl nur eine so unbarmherzige Haltung wie die der Brückenaufsicht in Dresden. Dort hängen die Schlösser vor allem an der Loschwitzer Brücke, die im Volksmund "Blaues Wunder" heißt. Ein solches erleben auch Paare, die nach einiger Zeit wiederkommen und ihr Schloss suchen. Denn "in Dresden beseitigt die Brückenaufsicht im Rahmen zyklischer Kontrollen bauwerksfremde Gegenstände", wie sie auf Anfrage schriftlich mitteilt. Mitarbeiter nutzen dazu einen Werkzeug, das, genau wie einst das Vorhängeschloss, durch seine unromantische Funktionalität besticht: einen Bolzenschneider.

© SZ vom 11.06.2014
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