Süddeutsche Zeitung

Verschwundene Maschinen:Wenn Flugzeugunglücke Rätsel aufgeben

Immer wieder sind in dem vergangenen Jahrzehnten Flugzeuge einfach verschwunden. Manchmal wurden die Maschinen noch gefunden - andere Fälle blieben für immer ungelöst.

Java-See zwischen Indonesien und Malaysia, Dezember 2014, Air Asia Flug QZ8501

Am 27. Dezember verschwindet ein Airbus A320-200 der Air Asia mit 162 Menschen an Bord auf halbem Weg von Indonesien nach Singapur vom Radar. Der Pilot des Flugs QZ8501 hatte zuvor um eine Kursänderung gebeten, um schlechtem Wetter auszuweichen. Doch die wurde ihm wegen des dichten Flugverkehrs in der Region nicht gewährt.

Die indonesischen Behörden gehen davon aus, dass die vermisste Maschine ins Meer gestürzt ist. Das Wrack sei möglicherweise bereits auf den Boden der Javasee gesunken. Doch eine konkrete Spur gibt es noch nicht. "Wir haben keinerlei Informationen über den Verbleib des Flugzeugs", räumte der Chef der Transportsicherheitsbehörde ein.

Indischer Ozean, März 2014: Malaysia Airlines Flug MH370

Es ist das wohl mysteriöseste Unglück der Luftfahrtgeschichte. Eine Maschine der Malaysian Airlines mit 239 Menschen an Bord verschwand am 8. März auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Um 1:21 Uhr Ortszeit bricht der Kontakt zur malaysischen Flugsicherung ab. Zu einem späteren Zeitpunkt wird die Maschine noch von einem Militärradar geortet. Vermutlich fliegt sie noch sieben Stunden weiter, wie aufgefangene Satellitensignale nahelegen.

Doch was genau in den entscheidenden Momenten an Bord passiert ist: niemand weiß es. War es eine Entführung, Sabotage, Terrorismus? Ist jemand ins Cockpit eingedrungen? Wollte einer der Piloten Suizid begehen? Gab es einen Kabelbrand an Bord, der alle bewusstlos machte?

Keine einzige Frage ist noch Monate nach dem mysteriösen Verschwinden beantwortet. Ohne Wrack, ohne Flugdatenschreiber sei nichts zu machen, sagen die malaysischen Ermittler. Es wird mit Flugzeugen, Schiffen und unbemannten U-Booten im Indischen Ozean 2000 Kilometer westlich von Australien nach Wrackteilen gesucht. Doch niemand hat bisher auch nur den winzigsten Hinweis auf eine abgestürzte Maschine gefunden.

Südamerika 2009: Air-France-Flug AF 447 von Rio de Janeiro nach Paris

Noch gut in Erinnerung ist das bange Warten auf Informationen über den Absturz eines Air-France-Flugzeuges in der Nacht zum 1. Juni 2009. 228 Menschen befanden sich an Bord der Maschine, die kurz nach Mitternacht mitteleuropäischer Zeit in Rio de Janeiro startete und am nächsten Vormittag in Paris landen sollte. Gegen vier Uhr nachts verschwand das Flugzeug, das gerade eine Gewitterzone über dem Atlantik durchquerte, plötzlich vom Radar. Bevor der Funkkontakt abbrach, sendete die Maschine mehr als 20 automatische Fehlermeldungen an die Air-France-Zentrale in Paris, einen Notruf aus dem Cockpit gab es aber nicht.

Fünf Tage wurde nach dem Flugzeug gesucht, dann entdeckten Einsatzkräfte zwei Leichen, mehrere Gepäckstücke und Teile des Wracks. Die Black Box blieb dagegen lange Zeit verschwunden, die Unglücksursache fast zwei Jahre lang ein Rätsel. Vier großangelegte Suchaktionen mit Tauchrobotern und Tiefsee-Sonargeräten lieferten keine Ergebnisse, bis im April 2011 ein Großteil des Wracks in 4000 Metern Tiefe auf dem Boden des Atlantiks geortet wurde.

Bei der Auswertung der Flugdaten und des Stimmrekorders wurde schnell klar, dass - wie bereits kurz nach dem Absturz angenommen - die Sensoren ausgefallen waren, die für die Messung der Geschwindigkeit zuständig sind. Die Geräte waren vereist und hatten den Piloten falsche Daten geliefert, der Autopilot war infolgedessen ausgefallen. Dass diese Sensoren fehleranfällig waren, war lange zuvor bekannt.

Aus dem Abschlussbericht des französischen Amts für Flugunfalluntersuchung (BEA) geht hervor, dass die Piloten falsch reagiert hatten. Zur Fehleinschätzung der Situation könnte beigetragen haben, dass sich der Pilot zum Schlafen zurückgezogen und das Kommando an den weniger erfahrenen Co-Piloten übergeben hatte. Erst eineinhalb Minuten nach dem Ausfall der Geschwindigkeitssysteme kam der Pilot zurück ins Cockpit, erfasste die Situation zu spät und konnte die Katastrophe nicht mehr verhindern.

Sulawesi 2007 - Verwirrung um indonesische Passagiermaschine

Indonesien 2007: Adam-Air-Flug KI574 von Surabaya nach Manado

Am 1. Januar 2007 verschwand ein Passagierflugzeug der indonesischen Billig-Airline Adam Air mit 102 Passagieren bei stürmischen Wetter vor der Westküste der Insel Sulawesi. Es folgte eine ausgedehnte Suche, um die verschwundene Boeing 737 zu orten:Tausende Soldaten durchkämmten den Dschungel auf der Insel, Flugzeuge suchten das Gebiet aus der Luft ab, Schiffe kreuzten im Pazifischen Ozean.

Zwei Tage nach dem Unglück kursierte die Meldung, das Wrack sei in einer abgelegenen Bergregion gefunden worden. 90 Menschen seien gestorben, zwölf hätten überlebt. Ihr Zustand sei jedoch kritisch, hieß es von Seite der indonesischen Behörden. Der Kommandant eines Luftwaffenstützpunktes bestätigte diesen Bericht einer örtlichen Rundfunkstation. Daraufhin wurden Hunderte Rettungskräften in das Gebiet geschickt, fanden aber keine Spuren des Wracks. Noch am selben Tag nahmen die Behörden die Information zurück - und gaben zu, dass es sich nur um Gerüchte gehandelt hatte.

Bis schließlich erste Wrackteile der Maschine im Meer gefunden wurden, dauerte es zehn Tage. Damit war auch die letzte Hoffnung der Angehörigen zerstört, dass das Flugzeug im Dschungel notgelandet sein könnte. Weitere drei Wochen später lokalisierte ein amerikanisches Schiff die beiden Flugschreiber, die sogenannten Black Boxes, vor der Küste von Sulawesi. Bis sie ausgelesen werden konnten, verging ein weiteres halbes Jahr, da zunächst weder die Fluggesellschaft noch die indonesische Regierung die Kosten für die Bergung aus fast 2000 Metern Tiefe übernehmen wollten.

Am 25. März 2008 legte die indonesische Untersuchungskommission ihren Abschlussbericht zu dem Unglück vor. Die Auswertung der Black Boxes ergab, dass die Schuld an dem Absturz zumindest teilweise bei den Piloten gelegen hatte. Sie seien durch Probleme mit dem Navigationssystem abgelenkt gewesen und hätten dann mehrere falsche Entscheidungen getroffen. Das Flugzeug muss wegen zu hoher Geschwindigkeit noch in der Luft auseinander gebrochen und in Einzelteilen im Meer versunken sein.

Flug 571 - "Das Wunder der Anden"

Chile 1972: Flug 571 von Montevideo nach Santiago de Chile

Im Oktober 1972 befand sich eine Rugbymannschaft auf dem Weg von Uruguay nach Chile. Das Wetter war schlecht, die Turboprop-Maschine der uruguayischen Luftwaffe musste von der geplanten Route abweichen, geriet in einen Schneesturm. Wohl aufgrund eines Pilotenfehlers zerschellte die Maschine schließlich an einem Berggipfel in 4000 Metern Höhe.

Die Suche nach dem Wrack wurde nach einer Woche ohne Erfolg eingestellt. Die Überlebenden des Unglücks erfuhren davon über ihr Transistorradio. 71 Tage lang hörte die Welt nichts mehr von Flug 571 - dann erfuhr sie vom "Wunder der Anden".

Zwölf Menschen kamen demnach beim Absturz des Flugzeugs ums Leben, fünf weitere erlagen noch in der ersten Nacht ihren Verletzungen. Der Rest kämpfte im verschneiten Hochgebirge bei extremen Temperaturen ums Überleben. Weitere Mitglieder der Gruppe kamen in Lawinen um. Die Übriggebliebenen entschieden sich schließlich, das Fleisch ihrer toten Freunde zu essen, um zu überleben.

Als auch nach 60 Tagen keine Rettung nahte, schickte die Gruppe die drei kräftigsten Männer los, um Hilfe zu holen. Einer musste nach mehreren Tagen zurückkehren, weil die Vorräte der Expedition zur Neige gingen. Die beiden anderen erreichten nach mehr als einer Woche die Schneegrenze. Am Ufer eines Gebirgsflusses trafen sie auf den Hirten Sergio Catalan. Der Mann holte Hilfe, mit Hubschraubern machte sich das chilenische Militär auf den Weg zum Absturzort und rettete die 14 Überlebenden des Unglücks.

"Star Dust" - Verschollen für ein halbes Jahrhundert

Argentinien 1947: "Star Dust"-Flug von Buenos Aires nach Santiago de Chile

Am 2. August 1947 startete die Propellermaschine Star Dust ("Sternenstaub") im argentinischen Buenos Aires mit elf Menschen an Bord in Richtung Santiago de Chile. Doch die fünf Crewmitglieder und sechs Passagiere, unter ihnen ein Diamantenschmuggler, ein britischer Diplomat mit Geheimdokumenten und die Witwe eines Nazis mit der Urne ihres Mannes im Gepäck, sollten nie in Chile ankommen. Ihre Spur verliert sich in einem Schneesturm in den Anden.

Fragen wirft vor allem der letzte Funkspruch auf. Die Morse-Nachricht, die der Funker an Bord um 17.41 Uhr sendete, lautete: "ETA SANTIAGO 17.45 STENDEC". Der Flughafen-Funker gab später bei den Ermittlungsbehörden an, das Signal sei deutlich zu verstehen gewesen, doch er habe die Bedeutung des Wortes "Stendec" nicht gekannt. Die Suche nach dem Flugzeug der British South American Airways (BSAA) blieb erfolglos. Das Schicksal der fünf Besatzungsmitglieder und sechs Passagiere bot reichlich Raum für Spekulationen und Verschwörungstheorien - ein halbes Jahrhundert lang. Ufologen vermuteten wegen des rätselhaften Funkspruchs sogar eine Entführung durch Außerirdische. Andere glaubten an eine Bombe an Bord.

Im Jahr 2000 klärte sich das Unglück teilweise auf. Schnee und Eis gaben Teile der Maschine frei, die offenbar am oberen Teil eines Gletschers zerschellt und unter den Schneemassen einer sich dadurch lösenden Lawine begraben worden war. Eine Armee-Expedition entdeckte sie unterhalb des 6800 Meter hohen Pupungato zwischen Argentinien und Chile, etwa 50 Kilometer von der Stelle entfernt, von der die Star Dust ihren letzten Funkspruch abgesetzt hatte.

Experten gehen davon aus, dass das Flugzeug in einem Stück auf den Boden aufschlug. Zum Unglück kam es höchstwahrscheinlich, weil die drei Royal-Air-Force-Piloten beim Umfliegen einer Schlechtwetter-Front die Position der Maschine falsch berechnet hatten.

Flug 19 - Verschwunden im Bermuda-Dreieck

USA 1945: Airforce-Übungsflug 19

Gleich fünf Torpedobomber verschwanden 1945 vor der Ostküste Floridas - in einem Gebiet, das später wegen wiederholter Flug- und Schiffsunglücke als "Bermuda-Dreieck" bekannt wurde. Eigentlich sollte es nur eine Routineübung werden, als die fünf Flieger den Marinestützpunkt Fort Lauderdale am 5. Dezember um 14.10 Uhr verließen.

Die Wetterbedingungen wurden als günstig eingestuft, alle fünf Bomber waren vollgetankt. Um 15.45 Uhr funkte Lieutenant Charles C. Taylor, der als Ausbilder den Formationsflug seiner Flugschüler leitete, an den Tower in Fort Lauderdale einen Notruf: "Wir scheinen vom Kurs abgekommen zu sein. Können kein Land sehen, wiederhole sehen kein Land." Der Tower wies Flugleiter Taylor daraufhin an, nach Westen zu fliegen. Daraufhin antwortete dieser: "Können nicht feststellen, wo Westen ist. Nichts stimmt mehr." Taylor gab durch, beide Kompasse in seiner Maschine müssten defekt sein.

Nach der letzten Meldung von Flug 19 startete ein Wasserflugzeug zu einer Suchaktion. Als es die vermutete Position der fünf Bomber erreicht hatte, gab der Pilot einen Funkspruch ab, dann verschwand er ebenfalls spurlos. Eine ausgedehnte Suchaktion förderte kein einziges Wrackteil der sechs Militärmaschinen zutage. Auch Anzeichen von Überlebenden gab es keine.

Darüber, wie mysteriös der Fall einzustufen ist, ist viel gestritten worden. Viele sind überzeugt, dass es sich um einen ganz normalen Unglücksfall handelt. Ihr Hauptargument: GPS gab es damals noch nicht, ein Ausfall der Navigationssysteme über dem offenen Meer bedeutete fast immer den Untergang. Außerdem habe bis auf Flugleiter Taylor keiner der Piloten Erfahrung besessen. Es wird davon ausgegangen, dass ihnen irgendwann der Treibstoff ausgegangen sein muss und sie ins Meer stürzten. Das Wasserflugzeug hingegen sei vermutlich in der Luft explodiert.

Die Anhänger der Bermuda-Dreieck-Theorie sehen den Fall jedoch als einen der wichtigsten Beweise dafür, dass das Seegebiet im westlichen Atlantik nördlich der Karibik eine Gegend ist, in der immer wieder Schiffe und Flugzeuge auf unerklärliche Weise verschwinden.

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