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Angriff auf Rosenmontagszug:Verdächtiger kommt in Untersuchungshaft

In Volkmarsen haben sich am Montag schreckliche Szenen abgespielt.

(Foto: AFP)
  • Am Tag nachdem ein 29-Jähriger seinen Wagen im hessischen Volkmarsen in eine Menschenmenge gelenkt hat, werden mehr Details zum Tathergang bekannt.
  • Gegen ihn ist Untersuchungshaft angeordnet worden. Ihm werden versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr vorgeworfen.
  • Ein Polizist und ein Apotheker berichten, wie sie den Angriff auf den Rosenmontagszug erlebt haben.
  • Das Motiv des Täters bleibt unklar.

Eine Tagesspanne nach der Tat sind die Spuren gesichert in Volkmarsen, sind die Straße und der Platz vor dem Rewe-Markt des 6800-Einwohner-Fachwerkstädtchens in Nordhessen gesäubert. Die Polizei hat den Ort wieder freigegeben, an dem am Rosenmontag gegen 14:45 Uhr ein 29 Jahre alter Mann seinen silberfarbenen Mercedes-Kombi beschleunigte, die Absperrungen durchbrach und in die Menschen fuhr, die dort dem Fastnachtsumzug zusahen - unter ihnen viele Kinder.

Tatorte sind erschreckend schnell wieder erschreckend normal, Trümmer, Kleidungsstücke, Reifenspuren lassen sich leicht beseitigen; das Tatfahrzeug ist abgeschleppt. An der Stelle, an der es passierte, sind am Dienstagnachmittag nur noch zwei rot-weiß-gestreifte Absperrungen aus Plastik aufgebaut.

Auf dem Platz vor dem Rathaus sammeln sich am Abend die Volkmarser schon eine halbe Stunde bevor der Gottesdienst beginnt. Menschen stehen in kleinen Gruppen zusammen, umarmen sich. Die Menschen hier sind immer noch geschockt, manche traumatisiert von der Gewalt.

Insgesamt 52 Menschen soll der Mann mit seinem Auto verletzt haben, teilt die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft mit, einige davon sehr schwer; 35 befinden sich am Dienstagnachmittag noch im Krankenhaus. Die nordhessische Polizeidirektion meldet sogar fast 60 Verletzte - es hätten sich den Tag über noch Menschen gemeldet, die im ersten Schock einfach nach Hause gegangen seien und erst am nächsten Tag zum Arzt. Das jüngste vom Auto erfasste Opfer ist erst zwei Jahre alt, das älteste 85 Jahre. Es grenzt an ein Wunder, dass niemand von dem schweren Wagen getötet wurde, der 30 Meter weit in die Menge hineinfuhr, ehe er zum Stehen kam.

Einer, der aus nächster Nähe erlebt hat, was an diesem furchtbaren Rosenmontag passierte, ist der Polizist Christian Bültemann. Er betreibt als Hobby eine regionale Nachrichtenseite, hatte frei an diesem Tag und filmte den Rosenmontagszug. "Da knallt ein Wahnsinniger nur 150 cm an mir vorbei, weil ich auf ner Verkehrsinsel stand", schreibt er auf seiner Homepage, "die wollte er ja nicht treffen, sondern möglichst viele Menschen - also weicht er dieser aus. Sonst wäre ich dran gewesen am heutigen Rosenmontag - komisches Gefühl sowas."

Das Auto sei durch die Absperrung geknallt und direkt auf den Festzug losgefahren; "Männer, Frauen und Kinder fliegen durch die Luft." Überall Verletzte, überall Schreie, Panik. "Der Apotheker dort geht geistesgegenwärtig sofort in seinen Laden und holt Verbandsmaterial", dann seien die Polizisten und Rettungskräfte gekommen.

Der Apotheker heißt Gunter Böttrich. Sein Laden liegt gegenüber dem Rewe-Markt, vor dem der Wagen zum Stehen kam. Böttrich erinnert sich, dass der silbergraue Mercedes wohl einige Zeit auf der anderen Seite der Hauptstraße gestanden hat, nahe dem Bahnhof - und dann unvermittelt anfuhr. "Ich bin, als es passierte, sofort rausgerannt, habe Erste Hilfe geleistet und gemeinsam mit den Sanitätern priorisiert, wer in welcher Reihenfolge auf die nach und nach eintreffenden Notarztwagen verteilt werden sollte", erzählt er. Seine Apotheke entwickelte sich dann kurzfristig zu einem kleinen Lazarett und Lagezentrum. Zwei Kinder wurden auf einer eilig herbeigeholten Matte versorgt, eine ältere Frau wurde vorne im Laden auf einer Liege verarztet, und die anderen, die geschockt waren und nicht recht wussten, wohin mit sich, die konnten sich auf einen der mehr als 30 Stühle setzen, die Böttrich und sein Team in den Verkaufsräumen aufstellten. "Wir haben einfach nur geholfen und eine Anlaufstelle in diesem grauenhaften Chaos geboten. Das war für uns selbstverständlich", sagt der Apotheker, dessen drei Kinder früher selbst im Karnevalsverein aktiv waren.

Beide, der Polizist Bültemann und der Apotheker Böttrich, gehen davon aus, dass der Fahrer sein Auto absichtlich in die Menge gelenkt hat. So sieht das auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt. Warum er das getan hat? Darüber herrscht auch mehr als 24 Stunden nach der Tat Rätselraten. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt teilt mit, der Mann sei selbst verletzt worden und noch nicht vernehmungsfähig, nach unbestätigten Informationen der Süddeutschen Zeitung liegt er auf der Intensivstation. "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagt ein Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. Bislang ist der Mann nicht in irgendeine Richtung als politischer Extremist aufgefallen, weshalb die Ermittler eher nicht von einem politischen Motiv ausgehen.

Auch eine Alkoholisierung scheidet offenbar weitgehend aus - entgegen ersten Zeugenaussagen und Vermutungen. Ein erster Test sei negativ verlaufen, heißt es bei der Generalstaatsanwaltschaft, wegen möglicher Wechselwirkungen mit Medikamenten, die dem verletzten Mann nach der Tat gegeben wurden, biete dieser Test aber noch keine absolute Sicherheit. Die Drogentests liefen noch. Der Tatverdächtige ist deutscher Staatsbürger und wohnt in Volkmarsen gemeinsam mit seiner Großmutter. Es heißt, er habe Ende des Monats ausziehen wollen. Sein Vermieter beschreibt ihn als unauffällig - nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur soll der Mann aber in der Vergangenheit durch Beleidigung, Hausfriedensbruch und Nötigung aufgefallen sein.

Das alles ist sehr wenig und gibt vor allem keine Antwort auf die Frage, warum jemand in eine Menge feiernder Menschen rast, offenbar in der Absicht, möglichst viele von ihnen zu töten. Entsprechend wuchern seit dem Montagnachmittag in den sozialen Netzwerken die Vermutungen und Verschwörungstheorien. Die Polizei Nordhessen kommt mit den Dementis nicht hinterher, sie warnt vor einem Foto, das angeblich die Festnahme des Mannes zeigen soll, es aber nicht tut; irgendwann twittert ein Beamter mit verzweifeltem Humor: Wer alles besser wisse als die Polizei, der solle sich doch mal für die Polizistenlaufbahn bewerben.

Wie sehr eine solche Tat immer auch ein Medienereignis ist, zeigt die zweite Festnahme im Zusammenhang mit der Amokfahrt: Ein 37-jähriger Mann war hinter dem Auto filmend hergelaufen, statt den Verletzten zu helfen. Gegen ihn wird wegen "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Filmaufnahmen" ermittelt; kurz gesagt: wegen Gafferei.

Am Abend verhängte die Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft gegen den Fahrer von Volkmarsen. Ihm werden versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr vorgeworfen. Unterdessen versammelten sich die Volkmarser zum ökumenischen Gottesdienst in der katholischen St.-Marien-Kirche - um der Fassungslosigkeit und der Frage nach dem Warum Raum und Zeit zu geben.

© SZ/feko
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