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Gewalttat in Volkmarsen:"Mit Kindern ehrlich sein"

General view day after car ploughed into Carnival parade injuring several people in Volkmarsen

Luftballons hängen am Tag nach dem Angriff auf den Rosenmontagszug an einem Gartenzaun in Volkmarsen.

(Foto: REUTERS)
  • 60 Menschen hat der 29-Jährige verletzt, der am Rosenmontag im hessischen Volkmarsen in eine Menschenmenge gefahren ist. Viele von ihnen sind Kinder.
  • Der Fahrer schweigt, sein Motiv ist weiterhin unklar.
  • In Volkmarsen kümmern sich Pfarrer und Seelsorger um die Kinder, die verletzt wurden oder die Gewalttat mit ansehen mussten.

Klar, auch Martin Fischer hat sich den Rosenmontagszug angesehen, so wie fast jeder in Volkmarsen, der an diesem Tag nicht zur Arbeit musste. Fischer, 47, seit viereinhalb Jahren katholischer Pfarrer in der 7000-Einwohner-Kleinstadt in Nordhessen, sitzt im Besprechungsraum des Pfarrheims. 44 Stunden ist es jetzt her, dass 500 Meter von hier ein 29-Jähriger mit einem Auto in die feiernde Menschenmenge raste.

Fischer stand auf dem Rathausplatz, als es passierte. Er wunderte sich über die Funkenmariechen, die eilig wegrannten, obwohl der Umzug noch gar nicht vorbei war. Dann rief ihn sein Gemeindereferent an, der vorne an der Kreuzung alles mitbekommen hatte. Den Mercedes, der vom Bahnhof kommend beschleunigt hatte, an der Absperrung vorbei, 35 Meter quer durch die Menschenmenge. Es ist wohl einfach nur Zufall oder, wenn man gläubig ist, ein Wunder, dass niemand zu Tode kam.

60 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen Kinder, und diejenigen, die der Angreifer mit seinem Auto nicht erfasst hatte, mussten mit ansehen, wie ihre Geschwister, ihre Freunde durch die Luft geschleudert wurden.

Was kann man als Pfarrer tun, in so einer Lage?

"Da sein", sagt Fischer. "Schauen, was die Leute brauchen". Sie haben das Gemeindezentrum aufgesperrt bis zum späten Abend, Essen, Limonade und Kaffee ausgegeben, einen geschützten Raum geschaffen. "Das ist genau wie bei Erwachsenen, jedes Kind reagiert anders. Manche brauchen das Gespräch. Manche brauchen einen Moment der Stille. Und manche brauchen Ablenkung", sagt Fischer.

Dass Kinder individuell auf Traumata reagieren, erlebt auch Anja Fülling bei ihrer Arbeit. Fülling ist Notfallseelsorgerin und steht am Dienstagabend dort, wo die Feuerwehr die Absperrungen aufgebaut hat, damit sich Betroffene und Angehörige in Stille versammeln können. Zwar hat sie in ihrem Notfallkoffer Puppe und Malbuch dabei, zur Ablenkung, aber sie sagt auch: "Man muss mit Kindern ehrlich sein." Es sei falsch, Böses, Grausames und kaum zu Ertragendes mit aller Macht von ihnen fernzuhalten. "Oft hilft es, den Schock und die Trauer in eine positive Aktion zu lenken", erklärt Fülling, "etwa, wenn ein Kind, das nicht verletzt wurde, für die Freundin, die im Krankenhaus liegt, ein Bild malt".

"Man muss die Fragen beantworten, die die Kinder stellen", sagt Julia König, Psychologische Psychotherapeutin an der Katholischen Universität Eichstätt und spezialisiert auf Posttraumatische Belastungsstörungen. Dabei sei es wichtig, eigene Gefühle nicht zu verstecken, nicht zu tun, als berühre einen das Geschehene selbst nicht. Nach Möglichkeit sollte der Alltag der Kinder aufrecht erhalten werden, vor allem aber bräuchten sie ein Gefühl von Sicherheit. "Als Elternteil sollte man annehmen, was passiert ist, aber klar machen, dass es etwas extrem seltenes war", sagt König. Es sei wichtig, die Kinder auch genau zu fragen: "Was hast du gesehen? Was hast du wahrgenommen?", um über das sprechen zu können, was das Kind tatsächlich ängstigt oder bewegt.

Eine Grundschule sowie eine Haupt- und Realschule gibt es im Ort. An beiden findet der Unterricht statt, ein Rektor hat ein Banner auf die Website seiner Schule legen lassen: Man sei in Gedanken bei den Betroffenen, wer Hilfe brauche, könne sie jederzeit bei den Schulsozialarbeitern bekommen.

Während die Seelsorger sich kümmern, ermittelt die Polizei. Sie durchleuchtet das Umfeld des Verdächtigen, rekonstruiert seine Biografie, stets mit der Fragestellung: Was war Motiv, was konkreter Auslöser der Tat? Maurice P. befindet sich in Untersuchungshaft, die Ermittler werfen ihm versuchten Mord vor. Er wurde bereits vernommen, gab dabei aber laut dem Hessischen Rundfunk keine Auskünfte zur Tat. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die die Untersuchung leitet, will sich erst wieder öffentlich äußern, "wenn harte Fakten auf dem Tisch liegen".

Auf der Kirchenmauer in Volkmarsen stehen noch die Kerzen, im Inneren werden die Stühle von der Messe am Dienstagabend zusammengeräumt. Ganz behutsam versucht der Ort, wieder zum Alltag überzugehen.

© SZ
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