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Vierfachmord von Annecy:Satelliten-Ingenieur als Zufallsopfer

Die Ermittler folgten jedoch auch anderen Spuren. Da war zum Beispiel der getötete französische Radfahrer. Sollte die Tat ihm gegolten haben? Die Staatsanwaltschaft schloss das bald aus. Sie vermutet, dass der Radfahrer zufällig an dem Parkplatz vorbeikam und als Zeuge des Verbrechens getötet wurde. Dann war da der Beruf Saad al-Hillis. Er hatte als Ingenieur für eine Satelliten-Firma gearbeitet. Hatten Geheimdienste ihre Hand im Spiel? Oder lagen die Wurzeln des Verbrechens im Irak?

Die Beamten prüften auch, ob die al-Hillis Opfer eines Raubüberfalls oder eines wahnsinnigen Serienmörders geworden sein könnten. Sie stellten Rechtshilfeersuchen an etliche Staaten, darunter an die USA und den Irak, baten im britischen und französischen Fernsehen mögliche Zeugen um Aussage und nahmen die Vergangenheit der Familie al-Hilli unter die Lupe.

Zaid al-Hilli hatte sich schon kurz nach der Tat bei der britischen Polizei gemeldet und jede Beteiligung abgestritten. Er wurde von den Briten bislang nicht als Verdächtiger, sonder als Zeuge geführt. Der französische Staatsanwalt Maillaud hatte dagegen schon vor einiger Zeit angeregt, Zaid al-Hilli in Polizeigewahrsam zu nehmen.

Nationale Sticheleien

Im Laufe der Ermittlungen kam es auch zu britisch-französischen Sticheleien, insbesondere in der Presse. Auf französischer Seite wurde kritisiert, die Briten befragten die traumatisierten Mädchen Zainab und Zeena nicht richtig. Britische Medien wiederum warfen den Franzosen vor, diese hätten bei der Spurensicherung geschlampt und fixierten sich zu sehr auf die Erbschaftsstreit-Theorie.

Staatsanwalt Maillaud meinte in diesem Jahr fast entschuldigend: "Die Untersuchung geht voran, aber extrem langsam." Die Agentur Agence France Presse bezeichnete das Blutbad als "französisch-britisches Geheimnis des Jahres 2012". Noch ist unklar, ob das Mysterium jetzt, zehn Monate später, gelüftet wird.

© SZ vom 25.06.2013
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