Videokonferenzen:Tapetenwechsel

Bunte Kinderzimmerwände, die Küchenzeile im Hintergrund oder durchs Bild laufende Kinder: Videokonferenzen aus dem Homeoffice liefern die Optik dieser Wochen im Ausnahmezustand. Über ein interessantes Sozialexperiment.

Von Michael Neudecker

Die Kollegin, deren Name hier nichts zur Sache tut, sagt, sie fände es ganz wunderbar, an Videokonferenzen teilzunehmen. Bei Videokonferenzen sieht man nie nur die zugeschaltete Person allein, sondern immer auch den Ort, an dem sie sich aufhält; in Covid-19-Zeiten gibt es sehr viele Videokonferenzen, weshalb man nun sehr oft Wohnzimmer sieht oder Küchen, bisweilen Kinderzimmer oder Schlafzimmer, in seltenen Fällen auch mal ein Arbeitszimmer. Die Kollegin sagt, sie würde jeden Tag woanders sitzen, damit alle sehen, wie schön sie es zu Hause hat.

Es ist wohl eine Frage der inneren Haltung, ob man es wunderbar findet, egal oder blöd, wenn die Kollegen sehen, wie man wohnt. Erinnert sei an den Politikwissenschaftler Robert Kelly aus Cleveland, Ohio: Der Mann gab vor gut drei Jahren der britischen BBC ein Interview, er saß in seinem Arbeitszimmer, im Hintergrund waren Bücher auf einen Tisch drapiert, an der Wand hing eine Weltkarte. Seine innere Haltung kippte bald von egal zu blöd, als Kellys Kinder offensichtlich gut gelaunt zur Tür hereinspazierten und dessen Versuche ignorierten, sie hinter den Bürostuhl zu schieben, weshalb Kelly große Mühe hatte, seine Ausführungen zum Verhältnis Nord-/Südkorea seriös fortzusetzen.

Als es vorbei war, sagte Kelly leise "Pardon me" und schloss kurz die Augen. Nur, Kelly wirkte nicht so unprofessionell, wie er sich in diesem Moment fühlte (wie er später erzählte). Er wirkte sympathisch.

Achten Sie auf den Hintergrund! Das ist der Satz, der in den derzeit überall zu lesenden Ratgebern zu Videokonferenzen immer vorkommt. Ein neutraler Hintergrund sei wichtig, aber wer hat zu Hause schon einen neutralen Hintergrund zur Hand?

Im Anzug in der Küche, haha!

Der eine sitzt auf der Couch, die andere vor einer bunt bemalten Kindertapete, die Nächste im Altbauwohnung-Ambiente mit riesigem Bücherregal, und wieder ein anderer sitzt in einer Art Wäschekammer und sagt sorry, vier Kinder, die müssen sich ja auch irgendwo aufhalten. Besonders humorvolle Kollegen wechseln jeden Tag ihre Kleidung so, dass sich daraus eigene Erzählungen ergeben, Fußballtrikots sind beliebt (sogar solche von Werder Bremen), mancher findet es aber auch witzig, im Anzug in der Küche zu sitzen. Manchmal hüpfen Hunde durchs Bild oder zupfen Kleinkinder am Ohr des Teilnehmers. Nur der Experte ist in der Lage, den Hintergrund technisch so zu verfremden, dass man nichts erkennen kann als verschwommenes Irgendwas, was aber auch schon wieder seltsam aussieht.

Videokonferenz-Hintergründe sind in vielen Haushalten die Optik dieser Wochen im Ausnahmezustand, Anbieter von entsprechenden Tools sind gerade sehr gefragt. Natürlich gibt es weitaus wichtigeres jetzt als Wohnzimmertapeten, es ist nur so: Sehr viele Menschen machen gerade nicht viel anderes, als zu Hause zu sein und zu beobachten, was noch zum Beobachten übrig ist.

Und wer glaubt, Videokonferenzen beträfen nur Büromenschen, der irrt: Geschichten über virtuelles Zusammenschalten unter Freunden bei Wein und Weißbrot gibt es genug.

Bitte nicht alle gleichzeitig

Videokonferenzen mögen technisch daherkommen, kühl, distanziert, weil man in den Laptop starrt statt in leibhaftige Gesichter, sie sind oftmals auch etwas mühsamer, vor allem dann, wenn alle gleichzeitig zu reden anfangen. Aber: Bringen sie einander nicht auf gewisse Weise auch näher?

Nie wurden so oft Sätze wie "Man hört dich nicht" oder "Mach mal dein Mikro an" gesagt, nie gab es so selbstverständlich so viel Einblick in den privaten Raum, nie wurde so anschaulich über Einrichtung und lässige Kleidung geredet. Nie war die Hemmschwelle niedriger, sein Kind (oder auch: seine Kinder) einfach zur Konferenz mitzubringen, nie waren Chefs oder Wissenschaftler wie Robert Kelly mehr nahbarer Familienmensch.

Das ist kein erstrebenswerter Dauerzustand - aber für den Moment ein durchaus interessantes Sozial-Experiment, zu dem derzeit viele Menschen gezwungen werden. Die meisten, die anfangs noch kaputte Laptopkameras als Ausrede vorschieben oder auf eine aufrechte Sitzhaltung und akkurate Kleidung achten, ergeben sich schon nach ein paar Tagen.

Die Frage ist nun, wohin dieses Experiment führen kann. Werden in Zukunft alle G-7-Gipfel per Videoschalte abgehalten? Wird es überall okay sein, im Kapuzenpulli ins Büro zu schlappen? Oder arbeiten wir alle nur noch zu Hause? Vielleicht, wer weiß, setzt sich nach ein paar Wochen auch einfach die Erkenntnis durch, dass der persönliche Kontakt durch nichts zu ersetzen ist.

© SZ/nas
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