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Verschwundene Jugendrichterin Heisig:Eine unbequeme Frau

Sie schickte tagtäglich Familienangehörige und Freunde von gefährlichen Clanchefs ins Gefängnis. Angst kannte Kirsten Heisig deshalb nicht. Nun wird die Berliner Jugendrichterin vermisst.

Johannes Boie

Man kann sich sicher ein einfacheres Leben machen als das einer erfolgreichen, aber nicht unumstrittenen Richterin im Scheinwerferlicht der Medien. Kirsten Heisig, Beamtin am Amtsgericht Tiergarten, hat sich dennoch dafür entschieden. Die 49-Jährige tritt oft und gern vor die Presse, ihre Urteile gegen jugendliche Straftäter ergehen schnell und sind von einer gewissen Härte gekennzeichnet.

Vermisste Jugendrichterin Kirsten Heisig, ddp

Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig bleibt verschwunden, Anzeichen für eine Straftat fehlen.

(Foto: ddp)

Seit Montag wird Kirsten Heisig vermisst. Ihr Auto wurde im Berliner Stadtteil Heiligensee gefunden, ordentlich geparkt und verschlossen. Darin: persönliche Dinge, unter anderem Heisigs Ausweis. Kein Abschiedsbrief.

Ganz in der Nähe durchsuchte die Polizei am Freitag zwei Waldstücke, auch Spürhunde wurden eingesetzt. Es war bereits die dritte Suchaktion, sie blieb ergebnislos.

Die Richterin war am Montag zuletzt gesehen worden. Ihr Mann, ebenfalls Jurist, meldete sie am Dienstag als vermisst. Heisig hätte in der Zwischenzeit mehrere Termine im Gericht gehabt, aber auch öffentliche Verpflichtungen wie etwa bei einer Buchvorstellung in Neukölln.

"Das ist alles zu viel für mich"

Ob private Gründe bei Heisigs Verschwinden eine Rolle gespielt haben könnten, ist offen. Die Boulevardmedien spekulieren fleißig darüber. Das letzte Lebenszeichen soll Bild.de zufolge eine verzweifelt klingende SMS an ihre Tochter gewesen sein: Sie mache "alles falsch", soll sie am Montag geschrieben haben. Und: "Das ist alles zu viel für mich."

Über Heisigs Privatleben ist wenig bekannt, sie hat es stets aus den Medien herausgehalten. Ihr berufliches Leben dagegen hat sich zum großen Teil in der Öffentlichkeit abgespielt, und wer will, kann darin nach möglichen Erklärungen suchen für ihr Verschwinden. Doch auch dies ist reine Spekulation.

Bisher gebe es keine Anzeichen für eine Straftat, erklärte Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) am Donnerstag. Sie sage das, fügte sie noch hinzu, allerdings "unter Vorbehalt".

Kirsten Heisig ist als Jugendrichterin für Neukölln zuständig, ein sogenannter Problembezirk, wegen seines hohen Ausländeranteils. Sie gilt als Initiatorin des "Neuköllner Modells", das bei kleineren Jugenddelikten schnelle Urteile und erzieherische Maßnahmen vorsieht. Das Modell gilt seit Juni für ganz Berlin und findet auch bundesweit Beachtung.

Heisig glaubt daran, dass die Spirale von Gewalt, Respektlosigkeit und Verwahrlosung rechtzeitig gestoppt werden muss. Bei Vorträgen in Schulen sagt sie zu den Eltern: "Wir brauchen Ihre Kinder ganz dringend in guten Berufen - als Polizisten, Erzieher und Ärzte."

Mit ihren deutlichen Worten macht sie sich aber nicht nur Freunde. Sie berichtet in der Öffentlichkeit von professionellen Gangstern, von unkontrollierbaren Familienclans in Neukölln, spricht über Prozesse, bei denen sie auf eine Mauer des Schweigens stoße, weil islamische Richter bereits Recht gesprochen haben - jenseits der deutsche Rechtsordnung.

Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben, "Das Ende der Geduld". Nach bisherigen Planungen soll es im September scheinen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Richterin Heisig um die Sicherheit anderer besorgt ist - sich selbst aber durch ihre tägliche Arbeit in Gefahr bringt.

Warnung einer Furchtlosen

Als Heisig sich vor einigen Tagen mit der Süddeutschen Zeitung zum Gespräch trifft, gibt sie zu erkennen, dass ihr der Erfolg auch zu schaffen macht. Sie spricht von der Bedrohung, die durch die ständige Arbeit mit dem Milieu verbrecherischer Großfamilien entstehe. Sie warnt in diesem Zusammenhang vor weiterer Recherche, gibt sich selbst aber als furchtlos.

Dabei ist es Heisig, die Kinder und Enkel, Freunde und Bekannte der Clanchefs regelmäßig ins Gefängnis schickt. Auch ist sie sich nicht zu schade, Zeugen so lange zu befragen, bis die Schweigemauer schließlich doch zusammenbricht.

So macht man sich als Richterin Feinde. Und zwar nicht nur im kriminellen Milieu, sondern auch bei politischen Gegnern. Und, vielleicht noch heikler: Man bekommt auch neue Freunde hinzu, die man gar nicht haben möchte. Politische Gruppen, die sich mit der Richterin befreundet wähnen, in ihrer Gesinnung aber kaum weiter von ihr entfernt sein könnten: ausländerfeindliche Stammtischpöbler etwa und Naziblogger, die sich nur deshalb über Heisigs Urteile freuen, weil oft Ausländer unter den Verurteilten sind.

Ihr Ziel ist ein gerechtes Urteil

Heisig aber denkt anders. "Ich bin ein sozialdemokratisches Urgestein", sagt sie im Gespräch mit der SZ. Auf Probleme im Migrations- und Integrationsbereich hinzuweisen, betrachte sie weniger als ihre Aufgabe als Richterin, sondern als staatsbürgerliche Pflicht. Gewiss, sie wähle oft drastische Worte. Aber sie könne jedes einzelne davon belegen.

Ihr größter Schutz vor ideologischen Attacken politischer Feinde ist ihre Schweigsamkeit bei Themen, bei denen sie sich nicht auskennt. Kein Wort verliert Heisig etwa zu religiösen Fragen, obwohl viele Angeklagte, über die sie zu richten hat, aus muslimisch geprägten Milieus stammen.

Heisig reicht es, auf Probleme aufmerksam zu machen, die Analyse überlässt sie anderen. Ihr Ziel ist ein gerechtes Urteil - im Gerichtssaal über die Angeklagten, aber auch öffentlich, über Berliner Stadtviertel und kriminelle Clans, bei denen ihrer Meinung nach der Rechtsstaat keine Bedeutung mehr hat.

Im Gespräch wirkt Heisig konzentriert, Akten liegen zur Bearbeitung auf ihrem Tisch, die Arbeit nur kurz unterbrochen. Sie treffe sich gerne mit Medienvertretern, sagt sie. Die Diskrepanz zwischen ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit und dem eher kargen Büro, das einer Richterin im Amtsgericht zusteht, mag zeigen, wie wenig es ihr um persönlichen Ruhm geht.

In ihrem Stuhl wippt sie vor und zurück, spricht aber ganz ruhig. Zwischen den Zeilen beklagt sie sich, dass ihr öffentlich kaum Kollegen beispringen würden. Lediglich an deren Schweigen könnte sie sehen, dass sie mit ihrer Meinung nicht alleine sei.

Ihr Handy ist seit Tagen nicht erreichbar. "Momentan kann ich Ihren Anruf nicht entgegen nehmen. Hinterlassen Sie eine Nachricht, ich rufe dann gerne zurück", sagt ihre Stimme auf der Mailbox. Mittlerweile kommt eine automatische Ansage hinterher: "Die Mailbox ist voll und kann keine Nachrichten mehr aufnehmen."

Bleibt zu hoffen, dass sich Kirsten Heisig dennoch bald zurückmeldet.

© SZ vom 03.07.2010/jobr/odg

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