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Verschollene Pilotin:Amelia Earharts endloser Flug

Amelia Earhart

Die Pilotin im Cockpit ihrer Lockheed Electra 10 E, mit der sie 1937 die Erde umrunden wollte.

(Foto: Albert Bresnik/AP)

Vor 80 Jahren startete die amerikanische Luftfahrt-Pionierin eine Reise um die Welt - und verschwand spurlos im Pazifik. Ein bedrückendes Szenario könnte ihren Verbleib erklären.

Von Bernd Graff

Es ist die abenteuerliche Geschichte einer aufregenden, einer starken Frau. Eine Geschichte mit immer noch ungeklärtem Ausgang. Nur eines ist sicher: Was immer Amelia Earhart am 2. Juli 1937 oder vielleicht auch in den Tagen danach widerfahren ist, verdient es auf jeden Fall, tragisch genannt zu werden.

Amelia Earhart war so etwas wie die Grace Kelly der Lüfte, eine imponierende, selbstbewusste, beeindruckend schöne Frau, die 1897 in Kansas geboren wurde. Am 2. Juli 1937, wenige Tage vor ihrem 40. Geburtstag, verschwindet sie spurlos. Doch was Amelia Earhart alles in ihrem bedauernswert kurzen Leben erreicht, nein errungen hat, hätte, wie man salopp sagt, locker in zwei, nein, drei Leben gepasst.

Als Kind kletterte die Tochter eines alkoholkranken Juristen auf die Bäume im Garten ihrer Großmutter, bei der sie aufwuchs, jagte Nager mit einem Kleinkaliber-Gewehr, wollte unbedingt einen Männerberuf ergreifen und wurde trotz Prädikatsabschlusses zuerst Krankenschwester in einem Bostoner Militärhospital, anschließend Sozialarbeiterin.

Ein Medizin-Studium in New York brach sie ab. Sie engagierte sich früh für die Belange der Frauen, die sie "aus dem Käfig ihres Geschlechts" befreien wollte, und schloss sich sozialistisch-pazifistischen Gruppen an - geprägt von ihren Erfahrungen in einem Militärspital, in dem Verwundete des Ersten Weltkriegs gepflegt wurden.

Um ihren Lebenstraum verwirklichen zu können, arbeitete sie in fast 30 verschiedenen, immer schlecht bezahlten Jobs: Amelia Earhart wollte Pilotin werden, eine der ersten überhaupt. 1921 nahm sie Flugstunden, ein halbes Jahr später hatte sie schon eine eigene Maschine, mit der sie kurz darauf den Höhenweltrekord für Frauen aufstellte. 1927 flog Charles Lindbergh als Erster allein nonstop von New York aufs europäische Festland nach Paris, 1928 folgte ihm, zwar erst nur als Passagierin, Amelia Earhart.

Sie selber flog 1932 erstmals allein die Strecke von Kontinent zu Kontinent. Sie wollte in Paris ankommen, musste allerdings in Nordirland unvorhergesehen notlanden und beteuerte anschließend, "falls bei diesem Manöver eine Kuh zuschaden gekommen ist, dann habe nicht ich sie gerammt, sondern sie hat sich erschrocken".

So wurde Amelia Earhart zur ersten weiblichen Atlantikpilotin, und zum ersten Menschen überhaupt, der dieses Meer zweimal fliegend, passiv und aktiv, überquert hat. Liiert war sie mit dem Verleger George P. Putnam, der ihr sechs Heiratsanträge machen musste, bevor sie dann doch in die Ehe einwilligte.

Schon länger hatte sie die Idee gehabt, die Welt am Äquator mit dem Flugzeug zu umrunden. Am 21. Mai 1937 startete sie mit ihrem Navigator Fred Noonan in einer Lockheed Electra 10E von Miami aus in dieses Abenteuer. Am 2. Juli hob sie mit dem schwer mit Sprit beladenen Flugzeug in Neuguinea ab, um den Pazifik zu überqueren und in den USA zu landen. Es sollte der letzte Teil der Reise sein, die bis dahin erfolgreich verlaufen war.

Amelia Earhart wollte die kleine Howland-Insel für einen Zwischenstopp nutzen, ein unbewohntes Schäufelchen Sand im Zentrum des Riesenozeans, das sie durch Funkpeilung mithilfe des Schiffs USCGC Itasca finden wollte. Die Mannschaft des Patrouillenbootes sandte denn auch Signale und erhielt Funksprüche aus dem Cockpit, allerdings konnte sie nur hören, dass Earhart keine rettende Peilung von dem Schiff empfing.

Als der Funkverkehr endgültig abriss, organisierte die US-Regierung sehr schnell die bis dahin größte Suchaktion der Luftfahrtgeschichte. Aber ohne Ergebnis, die Electra 10E wurde nicht gefunden. Ist Amelia Earhart also ins Meer abgestürzt? Weder Wrack noch Leichnam wurden jemals geborgen.

Inzwischen zeichnen neue Erkenntnisse ein nicht weniger bedrückendes Szenario der Havarie. Demnach soll die vom Kurs abgekommene Pilotin auf Nikumaroro, einem unbewohnten Korallen-Atoll im Westpazifik, bei Ebbe notgelandet sein. Angeblich habe man damals im Umkreis der Insel auch Radiosignale unbekannter Herkunft empfangen, die von einer Electra stammen könnten.

Das bedeutet: Das Flugzeug wäre weder am Boden zerschellt, noch im Pazifik versunken, Amelia Earhart habe also lebend auf dem Eiland auf ihre Bergung gewartet. Doch habe eine Flut das Flugzeug dann ins steil abfallende Meer gerissen.

Vermutlich ist sie verdurstet, verhungert oder Verletzungen erlegen

Ein identifizierbares Wrack der Electra wurde dort allerdings bis heute nicht entdeckt. Denn dummerweise war 1929 genau an diesem Atoll die SS Norwich City zerschellt und gesunken. Suchtrupps hielten entsprechend alle entdeckten Wrackteile für Folgen des Schiffsunglücks und hielten weiter nach dem Flugzeug Ausschau.

Nach dieser Theorie wären Amelia Earhart und ihr Navigator auf der Insel erst Tage nach der Notlandung verdurstet, verhungert oder ihren mutmaßlichen Verletzungen erlegen. Man will dort sogar Reste eines provisorischen Biwaks entdeckt haben.

Im Grunde genommen weiß man aber bis heute: nichts. Das zu ändern, ist 1988 The International Group for Historic Aircraft Recovery (TIGHAR) angetreten. Die Organisation vertritt die Nikumaroro-These und hat bereits eine aufwendige Roboter-U-Boot-Suchmission finanziert, die aber auch ergebnislos blieb. Weitere sollen dennoch folgen.

Im Januar 1939 wurde die Flugpionierin Amelia Earhart für tot erklärt. Jackie Cochran, eine Piloten-Kollegin und bis heute eine der bekanntesten Fliegerinnen der USA, sagte zum Abschied von dieser außerordentlichen Frau: "Wenn ihr Flug in die Ewigkeit geführt hat, kann man ihren Verlust betrauern, aber ihren Versuch nicht bedauern. Amelia hat nicht verloren, denn ihr letzter Flug ist endlos gewesen."

© SZ vom 21.01.2017/cat/odg
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