Süddeutsche Zeitung

Vermisstes Mädchen in Cottbus:Mutter soll 13-Jährige gefangen gehalten haben

  • Vor knapp einem halben Jahr kommt Franziska nicht von einem Arztbesuch zurück.
  • Die Polizei sucht öffentlich nach dem vermissten Mädchen.
  • Inzwischen ist klar: Die 13-Jährige wurde von der Mutter und ihrem Lebenspartner versteckt - vermutlich gegen ihren Willen.

Von Verena Mayer, Berlin

Als die Polizei vergangenen Herbst über das mysteriöse Verschwinden der 13-Jährigen Franziska informierte und um Hinweise aus der Bevölkerung bat, dachten viele an ein Verbrechen. Denn das Mädchen kam nach einem Arztbesuch Anfang Oktober nicht mehr in die Wohngruppe zurück, in der es in Cottbus lebte.

Franziska hatte kein Handy und kein Geld bei sich. Die Mutter und der Stiefvater des Mädchens wandten sich daraufhin an die Öffentlichkeit. In einem Interview mit der Berliner Boulevardzeitung BZ zeigten sie einen Brief des Mädchens, in dem Franziska in krakeliger Kinderschrift schrieb, sie sei in einem Versteck und werde erst wiederkommen, wenn sie 18 sei.

Mutter und Stiefvater sitzen in Untersuchungshaft

Fünf Monate später ist nun klar, dass es tatsächlich ein Verbrechen gegeben haben könnte. Allerdings ein anderes, als viele vermuteten. Denn Franziska wurde am Wochenende bei einer Hausdurchsuchung gefunden - in der Wohnung ihrer Mutter und des Lebensgefährten. Die beiden stehen in Verdacht, ihre Tochter festgehalten zu haben, gegen ihren Willen und den des Jugendamtes, bei dem das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Franziska liegt. Gegen das Paar wird wegen Entziehung Minderjähriger und Freiheitsberaubung ermittelt. Nach einem Bericht der Bild-Zeitung soll das Mädchen immer wieder in einen Schrank in einer leer stehenden Wohnung neben der Wohnung der Mutter eingesperrt worden sein, das bestätigt die Staatsanwaltschaft Cottbus nicht. Der Verdacht des sexuellen Missbrauchs steht im Raum. Franziska ist wieder in der Obhut des Jugendamtes.

Die 52-jährige Mutter und ihr 46-jähriger Partner sitzen in Untersuchungshaft. Während die Mutter ausgesagt habe, schweige der Mann zu den Vorwürfen, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Cottbus. Offen bleibt die Frage, warum das Paar an die Öffentlichkeit gegangen ist und ob Franziska den Brief, in dem sie über ihr Verschwinden schrieb, freiwillig verfasst hat. Oder ob ihre Mutter und der Lebensgefährte die Behörden damit von Franziskas eigentlichem Aufenthaltsort in einer einstigen Armeesiedlung in der Nähe von Cottbus ablenken wollten.

Klar ist, dass der Fall in äußerst desolaten sozialen und familiären Verhältnissen spielt. Franziska und ihre Schwester waren als Kleinkinder vor zehn Jahren ihrer Mutter und ihrem damaligen Partner wegen Kindswohlgefährdung weggenommen worden, der leibliche Vater war Alkoholiker, der neue Partner der Mutter hat längere Zeit wegen gefährlicher Körperverletzung in Haft verbracht.

Die Mädchen kamen in wechselnden Heimen unter, die Mutter versucht seit Längerem, vor Gericht das vollständige Sorgerecht zu erstreiten. Warum es so lange gedauert hat, bis Franziska gefunden wurde, wird das Verfahren klären müssen, zwei Hausdurchsuchungen davor waren ergebnislos geblieben. Die Untersuchungen dürften noch einige Zeit dauern. Allein die Auswertung der beschlagnahmten Computer aus der Wohnung werde etwa zwei Monate dauern, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

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SZ vom 22.03.2018/lkr
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